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Hirnforschung, was kannst du? : Die Schule erzieht junge Menschen, keine Gehirne

  • -Aktualisiert am

-Die Schule erzieht Menschen, keine Gehirne. Es besteht kein Zweifel, dass das Gehirn das zentrale informationsverarbeitende System des Menschen ist. Aber ist es alles? Man muss nicht gläubig sein und an eine materieunabhängige Seele glauben, sondern auch die Überlegung, dass ein Gehirn mit seinen Rückmeldeschleifen aus dem Körper und der Umwelt ein komplexeres System mit mehr Eigenschaften als ein isoliert betrachtetes Gehirn ist, lässt zumindest zweifeln, ob die Reduktion eines so vielschichtigen Vorganges wie das schulische Lernen von Kindern allein auf die Hirnfunktion nicht eine unzulässige Simplifizierung darstellt.

Bilderflut aus dem Gehirn: Mit solchen digitalisierten Autoradiogrammen haben deutsche Wissenschaftler jetzt einen dreidimensionalen Hirnatlas erzeugt

-Das Lernen eines Kindes ist ein individueller Prozess des Lebens. Die Ergebnisse der Neurowissenschaft liefern aber Aussagen zu Mittelwerten und Wahrscheinlichkeiten. Das sind Aussagen, die für ein Gesamtkollektiv sinnvoll sein können, die aber für das Individuum wenig hilfreich sind, da sie für diese Person falsch sein können. Gerade aber die Schulpädagogik hat mehr als andere Disziplinen die Aufgabe, auch das einzelne Kind, das von der Norm abweicht, mitzunehmen, zu fördern und ihm persönlich die optimale Bildung zu ermöglichen.

-Die Experimentalsituation als Grundlage der neurowissenschaftlichen Erkenntnis ist eine fragwürdige Vereinfachung. Die Naturwissenschaft schließt aufgrund ihres für sie notwendigen reduktionistischen Erkenntnisansatzes viele Faktoren des Lebens aus. Wie arm wäre das, was wir über einen Apfel wüssten, wenn wir nur die naturwissenschaftliche Erkenntnisse wie Gewicht, Zusammensetzung und so weiter zuließen. In komplexen Situationen - und schulisches Lernen dürfte dazu gehören - kann eine einzige Disziplin mit der Reduktion ihres Erkenntnisansatzes nicht alles erklären.

Das aufgeschnittene Gehirn: Blick in die nach innen gestülpten Hirnrinden-Lappen, die „Insularrinde“.

Diese grundsätzlichen Einschränkungen begrenzen den Nutzen, den die Neuropädagogik für die Schule haben kann und werden sicher auch in Zukunft nicht erlauben, neurowissenschaftliche Ergebnisse direkt in Schulprogramme umzusetzen. Im Zweifel werden die auf praktischer Anschauung und jahrelangen bis Jahrhunderte alten Erfahrungen beruhenden Erkenntnisse neurowissenschaftlichen Aussagen überlegen sein. Trotzdem hat die Neuropädagogik ihre Berechtigung und ihre Möglichkeiten.

Zum einen haben wir die ersten Hinweise, dass die neurowissenschaftliche Analyse früher als die Verhaltensbeobachtung oder andere wissenschaftliche Ansätze die Frühdiagnose von Störungen der Lernfähigkeit ermöglichen kann. Die Validierung dieses Ansatzes und die Weiterentwicklung auf verschiedene Formen von Lernstörungen könnte eine frühere Intervention und damit möglicherweise eine Beseitigung der Störung ermöglichen, bevor sie für das Kind in der Schule relevant wird.

Zum Zweiten könnte man die hohe Reputation und die starke Argumentationskraft, die neurowissenschaftliche Erkenntnisse zur Zeit in unserer Gesellschaft haben, für Schulreformen nutzen. Die Beschreibung einer bekannten pädagogischen Erkenntnis durch die Methoden der Neurowissenschaft bringt zwar keinen wirklichen Erkenntnisgewinn, könnte aber als starkes zusätzliches Argument genutzt werden, um die politischen und anderen Entscheidungsträger zu überzeugen, notwendige und sinnvolle Veränderungen und Investitionen in unserem Schulsystem vorzunehmen.

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