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Hirnforschung, was kannst du? : Die Schule erzieht junge Menschen, keine Gehirne

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Lernstörungen werden dechiffriert

Für die Abschätzung von Größenordnungen, das Überschlagsrechnen und den Vergleich von Mengen und Zahlen hat der Mensch eine Eigenschaft, die man als Zahlensinn bezeichnen kann. So können wir ohne zu zählen oder zu rechnen einschätzen, welche von zwei Mengen von Objekten größer ist. Diese Eigenschaft scheint angeboren und ist schon bei Säuglingen nachweisbar. Diese erkennen einen Unterschied, wenn die Anzahl der Objekte einer Gruppe doppelt so groß ist wie in der Vergleichsgruppe. Die Unterscheidungsfähigkeit verfeinert sich bis zum Erwachsenenalter, in dem Mengendifferenzen von 15 Prozent ohne zu zählen erkannt werden.

Für den Zahlensinn konnte eine relevante Hirnregion identifiziert werden. Sie liegt im hinteren oberen Teil des Gehirns (intraparietaler Sulcus, abgekürzt IPS) und ist besonders aktiv, wenn Kinder und Erwachsene sich mit Zahlen beschäftigen, an sie denken, sie sehen, aussprechen oder wenn sie rechnen. Die Aktivierung nimmt zu, wenn der Zahlenvergleich schwieriger wird oder die Zahlen größer werden. Auch wurden beim Affen einzelne Neurone in dieser Region gefunden, die spezifisch auf einzelne Zahlen oder Mengen ansprechen.

Zudem führen Schlaganfälle, die zu Gewebezerstörung in dieser Region führen, zu Störungen des Rechnens (Dyskalkulie) und bei einer Gruppe von Kindern mit Rechenschwierigkeiten, die besonders beim Unterscheiden von Zahlen und Schätzung von Mengen lagen, wurde eine gegenüber der Norm geringere Aktivierung des IPS gefunden.

Ein Schüler an einer Schule in Stuttgart

Für das Rechnen reicht aber der IPS offensichtlich nicht aus und sind andere Hirnregionen mit involviert. Zum einen sind dies Regionen des Gehirns, die mit Sprachverarbeitung zu tun haben. So können zweisprachige Menschen zwar in beiden Sprachen gleich schnell Schätzungen vornehmen, sind aber in der Nichtmuttersprache langsamer beim Rechnen. Auch tritt die Dyskalkulie häufiger bei Gewebezerstörungen in der jeweiligen sprachdominanten Hirnhälfte auf. Die Hirnforschung hat hier eine im hinteren, seitlichen Bereich des Gehirns liegende Region identifiziert (Gyrus angularis), der offensichtlich zentral für die Umsetzung von Zahlen in Worte ist. Zum anderen werden beim Rechnen auch Regionen involviert, die mit Raumwahrnehmung zu tun haben und seitlich oben im Gehirn liegen (in der parietalen Hirnrinde). Dies könnte erklären, warum wir große räumliche Abstände gleichsam automatisch mit großen Zahlen verbinden und dass auch bei Naturvölkern und Kindergartenkindern ohne mathematischen Unterricht Zahlen und Raum automatisch korreliert werden.

Hirnforschung vergisst Jugendliche

Trotz der Fülle von Ergebnissen zu Hirnfunktionen beim Lesen und Rechnen ist die Kritik an der Neuropädagogik verständlich. Sie hat bislang keine Ergebnisse erbracht, die praktische Auswirkungen auf den Unterricht oder für die Schüler haben - wenn man von einzelnen Kindern absieht, die nachweisbare Störungen von Hirnfunktionen haben. Auch hat sich die Neuropädagogik auf die Grundschule fokussiert und keine anderen Entwicklungsphasen wie zum Beispiel die Pubertät untersucht, in der sich offensichtlich die Möglichkeiten für das Lernen von einzelnen Fähigkeiten grundlegend ändern. Schließlich stellen viele Befunde der Neuropädagogik nur eine Ergänzung bekannter pädagogischer oder neurowissenschaftlicher Erkenntnisse um Lokalisationsorte im Gehirn mit den modernen Bildgebungsverfahren dar. Diese schlechte Bilanz liegt neben dem geringen Alter der Disziplin auch an grundsätzlichen Grenzen der Neuropädagogik:

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