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Hirnforschung, was kannst du? : Die Schule erzieht junge Menschen, keine Gehirne

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Wie Wörter im Hirn entstehen

Im Jahr 1892 beschrieb der französische Neurologe Joseph Jules Dejerine seinen Patienten „Herrn C.“, der gerne und gut las, bis er diese Fähigkeit plötzlich komplett verlor. Er konnte jedoch weiterhin sprechen, Gegenstände benennen und auch schreiben. Nach seinem Tod untersuchte Dejerine das Gehirn von Herrn C. und fand eine umschriebene Schädigung im linken seitlich-hinteren Bereich des Gehirns (Gyrus fusiformis) als Folge eines Schlaganfalls. Diese Region hat sich seitdem als entscheidend für die Verbindung des gesehenen Wortes (der Sehcortex liegt im Gehirn dahinter) mit dem gehörten Wort beziehungsweise dessen Bedeutung (der Hörcortex liegt im Gehirn davor) herausgestellt und wird als visuelles Wortformareal (VWFA) bezeichnet. Ableitungen der Hirnaktivität zeigten, dass etwa 150 bis 200 Millisekunden nach Zeigen eines Wortes selektiv in dieser Region Aktivierungen zu finden sind, die jedoch nicht beobachtet werden, wenn es eine fremde Sprache ist oder unbekannte Buchstaben auftreten.

Neuropädagogische Arbeitsgruppen haben die Entwicklung der VWFA beim Lesenlernen untersucht und festgestellt, dass in frühen Stadien der Lesefähigkeit zunächst auch andere Bereiche des Gehirns aktiviert werden. Dies sind unter anderem in beiden Hirnhälften vorne liegende Bereiche (präfrontaler Cortex), die unter anderem mit Aufmerksamkeit, Planung und Arbeitsgedächtnis zu tun haben. Mit der Zunahme der Lesefähigkeit wird die Aktivierung gleichsam auf die VWFA konzentriert, und die Aktivierungen sowohl der Bereiche der rechten Hirnhälfte als auch der vorderen Hirnanteile nehmen ab. Diese Aktivierung der VWFA ist bei Kindergartenkindern nicht vorhanden, tritt aber schon ab geringen Lesefähigkeiten auf und steigert sich über viele Jahre bis ins Erwachsenenalter hinein. Kinder, die trotz normaler Intelligenz große Schwierigkeiten beim Lesenlernen haben (Dyslexie) und die bis zu 15 Prozent eines Jahrgangs ausmachen, zeigen im Vergleich mit anderen Kindern desselben Alters eine schwächere Aktivierung der VWFA und stärkere Aktivierungen der anderen beim Lesenlernen involvierten Hirnrindenbereiche. Nach dem Absolvieren von speziellen Trainingsprogrammen verbesserte sich nicht nur die Lesefähigkeit, sondern auch die Fokussierung der Aktivierung der Hirnrinde auf die VWFA in den meisten Fällen, was als Reparatur interpretiert werden kann. Zudem konnten elektrische Aktivitätsreaktionen des Gehirns bei Neugeborenen gefunden werden, die mit Jahre später auftretender Dyslexie korrelierten.

Virtuelle Nervenzellen aus dem Kortex in der Gehirn-Simulation.

Der Nutzen, den die Neurowissenschaft schon für einzelne Personen mit Dyslexie haben kann, zeigt auch ein Beispiel aus der Klinik: Eine englische Neurologengruppe stellte bei einer Person mit Dyslexie beim Ableiten der Hirnaktivität fest, dass bei dieser Person der sehr seltene Fall einer Lese-Epilepsie vorlag. Synchrone und damit inhaltlich unsinnige Information wurden beim Lesen ausgelöst und blockierten so die Weiterverarbeitung der gelesenen Worte. Statt zusätzlicher Kurse und Förderprogramme zur Verbesserung ihrer Lesefähigkeit erhielt die Person dann ein Antiepileptikum, was nicht nur die epileptische Aktivität unterdrückte, sondern auch die Leseschwierigkeit behob.

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