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Hirnforschung, was kannst du? : Die Schule erzieht junge Menschen, keine Gehirne

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Weniger Wunschdenken

Nach der vernichtenden Kritik dieser Phase sind wir nun in der dritten und vermutlich längsten Phase, in der das öffentliche Interesse sich normalisiert hat und man sich langsam auf ein vernünftiges Niveau der Trennung von Wunschdenken und tatsächlichen Optionen hochgearbeitet hat.

Lernen ist ohne Zweifel eine der zentralen Aufgaben des Gehirns, sodass man der Neuropädagogik grundsätzlich alle neurowissenschaftliche Forschung zu Lernvorgängen im Gehirn zurechnen könnte - von den Veränderungen in Synapsen und Nervenzellstrukturen bis zur Registrierung von Leistungen der Schüler, die offensichtlich auf Veränderungen der Struktur und Funktion des Gehirns beruhen. In der Tat wurden solche Untersuchungen anfangs von Wissenschaftsteams als neuropädagogische Ergebnisse publiziert. Mittlerweile hat jedoch eine Klärung und Fokussierung des Arbeitsgebietes stattgefunden. Die Neuropädagogik will die Erkenntnisse über die Funktion des Gehirns einsetzen, um die pädagogischen Konzepte vor allem in der Schule anzuwenden. Dazu setzt sie auf Interdisziplinarität und Praxisorientierung. Forschungsschwerpunkte sind vor allem klassische Themen der Schule, vor allem Lesen und Rechnen, und die Funktionen der Hirnrinde beim Erlernen dieser Fähigkeiten und bei ihren Störungen, also Lese- und Rechenstörungen. Andere Themen des schulischen Lernens wie Schreiben, Kreativität, Aufmerksamkeit und soziale Fähigkeiten werden deutlich weniger untersucht.

Mit dem großen Interesse an den Neurowissenschaften sind eine Reihe von Ergebnissen in die Öffentlichkeit gelangt, die teils zu vereinfacht dargestellt, teils zu einseitig interpretiert wurden. Es entstanden „Neuromythen“, wie die Neurowissenschaft sie selbst nennt, die zu falschen Rückschlüssen auf den Schulunterricht geführt haben, zumal einige kommerzielle Anbieter aus solchen Überinterpretationen Lehrkonzepte entwickelt haben, die nutzlos oder sogar schädlich für Schüler sind. So sind Lernkonzepte für entweder „linkshirnige oder rechtshirnige Lerner“ angeboten worden, die die Befunde der Lokalisierung einzelner Hirnfunktionen in primär einer Hirnhälfte fälschlich auf das gesamte schulische Lernen generalisieren. Sehr verbreitet ist auch die Ansicht, dass zuckerhaltige Ernährung bei Kindern zu Hyperaktivität und verminderter Aufmerksamkeit führe, was zu ganzen „zuckerfreien Schulen“ geführt hat. Diese mittlerweile durch Kontrollstudien mit Placebos widerlegte Annahme beruhte vermutlich auf der Fehlinterpretation einer Studie, die lediglich einen erhöhten Zuckerkonsum bei hyperaktiven Kindern gezeigt hatte.

Die Neuropädagogik hat selbst durch ihre Publikationen und ihre Öffentlichkeitsarbeit dazu beigetragen, eine Reihe solcher Neuromythen zu entlarven und die Unsinnigkeit darauf basierender Lernkonzepte zu verdeutlichen. Teilweise wurden auch einzelne Lernangebote untersucht, um die Wirksamkeit neurowissenschaftlich zu prüfen, etwa ob durch solche Angebote auch die funktionellen Netzwerke im Gehirn normal angelegt werden.

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