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Hirnforschung : Die chemischen Spuren des inneren Zwangs

Gehirn im Querschnitt im Museum of Neuroanatomy der Universität in Buffalo Bild: AP

Untersuchungen belegen, dass Suchtphänomene mit einem veränderten Dopaminhaushalt im Gehirn zusammenhängen. Im Visier der Hirnforscher ist dabei vor allem das sogenannte Belohnungssystem.

          2 Min.

          Der Nervenbotenstoff Dopamin bekommt heute immer noch den klingenden Beinamen „Glückshormon“. Das sollte nun wohl endgültig überdacht werden. Denn Dopamin, das vor allem im sogenannten Belohnungssystem des Gehirns freigesetzt wird, jenem Netzwerk also, das im vorderen Teil des Vorder- und Mittelhirns verteilt liegt und vorzugsweise „positive“ Eindrücke vermittelt, ist keineswegs so glückverheißend, wie man sich wünschen würde. Die Gier nach Geld, das ist mit Hirnaufnahmen gezeigt worden, wird durch die Aktivierung des Dopaminsystems im Belohnungszentrum noch gesteigert, und auch bei hochgradig Internetsüchtigen hat man eine Überaktivität des Belohnungsnetzwerks festgestellt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Jetzt hat sich in den jüngsten Untersuchungen gezeigt, dass auch fettsüchtige Vielesser einen extrem gestörten Dopaminhaushalt aufweisen und sogar das aggressive Verhalten von kriminellen Psychopathen weniger durch fehlende Empathie ausgelöst wird, als durch eine regelrechtes Überfluten des Belohnungszentrums mit Dopamin. Obwohl sie wissen, dass ihr Verhalten ihnen und anderen schadet, werden sie von dem inneren Zwang, ihre Bedürfnisse und damit das Belohnungszentrum zu befriedigen, so stark erfasst, dass sie sich auch die Bestrafung nicht mehr fürchten Das jedenfalls meint die Gruppe um den amerikanischen Psychiater David Zald von der Vanderbilt University in Tennessee.

          Untersuchung an Psychopathen

          In der Zeitschrift „Nature“ berichtet er über Experimente mit einigen Dutzend meist schon straffällig gewordenen Psychopathen, die immer wieder von ihren aggressiven Attacken überfallen werden. Den Probanden wurde, weil ihre Aggressivität meistens mit einer Stoffsucht verbunden auftritt, Amphetamin oder „Speed“ verabreicht und anschließend Hirnaufnahmen im Positronen-Emissionstomographen und auch im Kernspintomographen erzeugt. Wie sich zeigte, wird bei ihnen während der Attacken im Belohnungssystem gut viermal soviel Dopmanin freigesetzt wie normalerweise. In einem zweiten Experiment hat man ihnen Geld versprochen, wenn sie während der Hirnaufnahmen eine Aufgabe erledigen. Auch hier zeigte sich dass das Belohnungszentrum, und insbesondere der Nucleus accumbens, überaktiv werden, sobald die Belohnung in Aussicht gestellt wird.

          Noch wissen die Wissenschafler nicht, was letztlich die Überaktivität beeinflusst, ob sie durch eine genetische Veranlagung zur Überproduktion des Nervenbotenstoffs hervorgerufen wird, oder einfach andere Botenstoffe fehlen, die die Aktivität der dopaminempfindlichen Nerven bremsen. Auf jeden Fall, so die Wissenschaftler, würden die Aggressionsschübe von einer so Reizüberflutung im Belohnungszentrum so gesteuert, dass das Bewusstsein über die möglichen Konsequenzen ausgeschaltet sei.

          . . .und an überfütterten Ratten

          Sprechen die Forscher in dem Fall der Psychopathen noch von einem – quasi automatisierten – Zwang, so sind Paul Kenny und Paul Johnson vom Scripps Research Institute in Jupiter/Florida davon überzeugt, dass es sich bei der lukullischen Völlerei nicht selten buchstäblich um eine Sucht, eben eine Fresssucht, handelt. Hinweise dafür gibt es schon lange. Der übermäßige Genuss wohlschmeckender, kalorienreicher Nahrung kann ähnliche Prozesse im Gehirn auslösen wie klassische Suchtmittel. Anfangs ist es ein ganz gewöhnliches Dopamansignal im Belohnungssystem. Das Wohlgefühl löst die verstärkte, wenn auch kurzfristige Freisetzung von Dopamin aus. Je mehr und öfter aber das geliebte Essen eingenommen wird, desto stärker reagieren die entsprechenden Nerven im Belohnungssystem: Sie schrauben die Produktion bestimmter Dopaminrezeptoren herunter, die Sensibilität für den Nervenbotenstoff geht zurück, das Belohnungssystem stumpft ab. Die Folge ist, dass der Drang zu immer mehr Essen immer größer wird.

          In der Online-Ausgabe von „Nature Neuroscience“ (doi: 10.1038/nn.2519) berichten Kenny und Johnson, dass sie bei überfütterten Ratten die selben physiologischen Veränderungen insbesondere im Hirnareal namens Striatum gefunden haben wie bei Kokainabhängigen. Wurde bei den Tieren der Dopamnilevel im Belohnungssystem künstlich gesenkt, nahm die Sensibilität der -Nerven allmählich wieder zu.

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