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Hirnforschung : Denn sie wissen nicht, was ihr Kopf tut

Die „Revolution” des Erwachsenwerdens, in Farbbildern aufgezeichnet Bild: Paul Thompson/UCLA

Wenn Teenager erwachsen werden, reift das Gehirn mit. Allerdings nicht einfach so, sondern fordert seinen Preis: Offenbar gibt es größere Umbrüche in der Jugend und vorübergehend sogar einen regelrechten Kuddelmuddel im Kopf.

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          Die Jugend hat viele Privilegien. Wenn es allerdings um die Entwicklung des Gehirns geht, ist das Erwachsenwerden ein geradezu erbarmungswürdiger Zustand. Die Seele schwankt zwischen den Extremen, und der Kopf wird buchstäblich zum Hexenkessel. Nimmt man die jüngsten Befunde der Hirnforschung, kann man sogar mit Fug und Recht behaupten, dass wohl niemals mehr im Leben Anspruch und Auftreten so weit entfernt von den tatsächlichen kognitiven Verhältnissen sind wie bei den Herwanwachsenden. Nach außen geben sie sich gerne gereift, selbstbewusst und aggressiv, drinnen im Kopf aber bricht sich das Chaos scheinbar Bahn, werden sie sensibler und schwankender - ist der neuronale Kuddelmuddel zumindest für die letzten Jahre vor dem Erwachsenwerden der vorherrschende Zustand.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Seitdem die Hirnforschung aufgehört hat, sich fast ausschließlich Kindern, Babys und Ungeborenen zuzuwenden und ihre bildungspolitischen Schlüsse daraus zu ziehen, geraten nun zunehmend Pubertät und Adoleszenz als wegweisende Phasen der Hirnentwicklung in den Blick. Tatsächlich hatte man schon vor Jahren Anhaltspunkte gefunden, dass der Reifeprozess keineswegs linear verläuft.

          Nur die wichtigen Nervennetze bleiben erhalten

          Paul Thompson von der University of California in Los Angeles und seine Kollegen von den amerikanischen National Institutes of Health in Bethesda waren es, die mit ihren zweijährig wiederholten und über viele Jahre konsequent an denselben Personen vorgenommenen Kernspinaufnahmen beeindruckende Zeugnisse von den anatomischen Umbrüchen in der Architektur des jugendlichen Gehirns geliefert hatten. Darauf konnte man noch einen linearen Reifeprozess erkennen. So etwa, dass die grauen Zellen im Großhirn - Großhirnrinde oder Kortex genannt - im Laufe der Kindheit bis kurz zur Pubertät zuerst zunehmen, dann aber kontinuierlich bis zum Erwachsenwerden abnehmen. Das entspricht der alten These, dass in der Kindheit eine Art Überproduktion von Nervenzellen und Nervenverbindungen aufgebaut wird, die ungenutzten Leitungen aber im Laufe der Zeit ebenso konsequent wieder aussortiert werden und verschwinden. Nur die wichtigen Nervennetze bleiben erhalten oder werden gar verstärkt.

          Im Lichte der Evolution betrachtet, hatten die von Thompsons Gruppe dokumentierten Sequenzen eine innere Logik: die höheren motorischen und sensorischen Zentren reifen zuerst, ebenso schnell die für Geruchs- und Geschmackswahrnehmungen, gefolgt von den Verarbeitungszentren für die räumliche Orientierung, später etwa jene für die Sprache und die Feinkoordination von Bewegungen. Der Eindruck einer stabilen linearen, evolutionsbiologisch vorgegebenen und womöglich weitgehend genetisch gesteuerten Entwicklung wurde durch die imposanten Detailbilder aus dem Innern des Kopfes also eher noch gestärkt. Auch die anatomischen Studien, die zeigten, dass die weiße Substanz mit ihren schnellleitenden, myelinisierten Nervenbahnen im Laufe des Lebens mehr oder weniger ununterbrochen zunimmt, deuteten in diese Richtung.

          Ein deutlich komplexerer Entwicklungsvorgang

          Neuere Untersuchungen an Kindern und Jugendlichen jedoch, die ähnlich wie in Thompsons Studie mit denselben Personen über viele Jahre vorgenommen wurden, sprechen für einen deutlich komplexeren Entwicklungsvorgang. Offenbar zeigen die Bilder und Messungen der grauen Zellen im Kortex nur die halbe Wahrheit. Hinter dem Umbau der Hirnanatomie verbergen sich offensichtlich tiefgreifende, oft aber auch nur vorübergehende Umbrüche in den „sensiblen Phasen“ des Heranwachsenden.

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