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Hirnforschung : Beim Kaufen setzt der Verstand aus

Neue Erkenntnisse der Hirnforschung lassen am Bild des mündigen Konsumenten zweifeln. Es scheint, als bestimmten Architektur und Funktionsweise des Gehirns unsere ökonomischen Entscheidungen.

          Als der Wirtschaftsnobelpreisträger des Vorjahres, Vernon Smith, in seiner Stockholmer Rede die Anwendung der neuen bildgebenden Verfahren in der Hirnforschung als den "Beginn einer Unternehmung" bezeichnete, "die einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise verspricht, wie wir denken, beobachten und Entscheidungen fällen", hörte offenbar kaum jemand hin. Von der Philosophie jedenfalls und von anderen Kritikern der modernen Hirnforschung war bisher kein Widerspruch zu hören. Dabei geht es in den "neuroökonomische Studien", die Smith dabei im Sinn hatte, im Grunde nicht weniger als in der aktuellen Diskussion um Willensfreiheit und die Schuldfrage von Kriminellen, um die Entscheidungsfreiheit des denkenden Menschen. Keine akademische Frage, sondern eine von hoher praktischer Relevanz.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Sind womöglich sogar unsere ökonomischen Entscheidungen gewissermaßen durch die Architektur und die Funktionsweise des Gehirns determiniert, wie es die Neurobiologie nahelegt, oder sind wir doch wie erhofft frei in unseren Kaufentscheidungen? Die gängigen ökonomischen Theorien zumindest glauben an den Konsumenten, der weitgehend autonom und rational entscheidet. Smith hingegen brachte in seiner Stockholmer Rede seine Ahnung zum Ausdruck, daß diese Überzeugung durch die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung zumindest in Frage gestellt wird. Tatsächlich herrscht in dem jungen und etwas verkürzt als "Neuroökonomie" oder "Neuromarketing" bezeichneten Forschungsgebiet eine regelrechte Goldgräberstimmung.

          Speerspitze der Neuroökonomie

          Besonders sichtbar wird das an der Universität Münster, wo sich gleich drei Institute aus zwei völlig verschiedenen wissenschaftlichen Sphären zu einer Forschungsgruppe zusammengeschlossen haben: Mitglieder der Klinik und Poliklinik für Neurologie, des Instituts für Klinische Radiologie und des Instituts für Handelsmanagement und Netzwerkmarketing wollen sich zur Speerspitze der Neuroökonomie entwickeln. Ihr wichtigstes Arbeitsgerät ist ein Hochfeld-Kernspintomograph der neuesten Generation, der räumlich hoch aufgelöste Bilder vom aktiven Gehirn aufzeichnet.

          Nur wenige Millimeter kleine Hirnareale, in denen elektrische Potentiale entstehen, lassen sich auf den dreidimensional dargestellten Hirnbildern erkennen. Gemessen wird bei diesem als funktionelle Kernspintomographie bezeichneten Verfahren die durch die Sauerstoffanreicherung hervorgerufene Änderung des lokalen Magnetfeldes. Eine aktive, stark durchblutete Hirnregion läßt sich von nichtaktiven Regionen unterscheiden. In Münster ist man wie in den amerikanischen Zentren der neuroökonomischen Forschung - Harvard oder Princeton etwa - davon überzeugt, daß die Kraft der so erzeugten Bilder ausreicht, "die Grundlagen des ökonomischen Handelns von Menschen auf naturwissenschaftlicher Ebene zu erforschen".

          Moderates Selbstbild

          Während die amerikanischen Kollegen inzwischen euphorisch von einer Revolution sprechen, sieht man die Entwicklung in Münster vor allem wohl unter dem Einfluß der Wirtschaftswissenschaftler nüchterner als eine Evolution. Dieses moderate Selbstbild konkurriert allerdings mit den geradezu provokanten und umwälzenden Thesen, die mitunter von ihren Protagonisten geäußert werden. Eine dieser Thesen etwa, die die jüngsten Erkenntnisse der Münsteraner Gruppe schön zusammenfaßt, formuliert der Neurophysiker Michael Deppe so: "Bei Marken schaltet den Verstand aus."

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