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Hirnatlas : Wenn Worte Wurzeln schlagen

Bilderflut aus dem Gehirn: Mit solchen digitalisierten Autoradiogrammen haben deutsche Wissenschaftler jetzt einen dreidimensionalen Hirnatlas erzeugt Bild: Katrin Amunts

Deutsche Forscher vermessen das Gehirn neu und kommen zu einem unerwarteten Ergebnis: Das Sprachzentrum besteht aus weit mehr Funktionseinheiten, als die Hirnanatomie seit 150 Jahren wahrhaben will.

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          Es ist das Begriffspaar, das unser Bild vom Gehirn mit geprägt hat: Broca-Areal und Wernicke-Zentrum. Ein Schulbuch-Klassiker. Wenn wir Wörter bilden und sprechen, wird das Broca-Areal aktiv, wenn wir Sprache verstehen wollen, setzen wir das Wernicke-Zentrum ein. Beide Hirngebiete sind, zumindest bei den Rechtshändern, meistens in der linken Hirnhälfte angesiedelt, das eine in der unteren Stirnhirnwindung, das andere - Wernicke - im Schläfenlappen etwas weiter hinten, verknüpft mit dem Broca-Areal über eine feste Nervenleitung. Leichter und populärer kommt Hirnforschung selten daher. Die Ortskenntnis der beiden Sprachzentren haben Generationen von Schülern und Wissenschaftlern auf den verlockenden Gedanken gebracht, dass das Gehirn womöglich gar nicht so schwer zu durchschauen ist wie oft befürchtet. Alles hat seinen Ort und seine Funktion, sauber getrennt in der Anatomie der Hirnwindungen und -lappen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Grundlagen dafür legte Korbinian Brodmann, ein deutscher Nervenarzt, der vor ziemlich genau hundert Jahren als Mitarbeiter des weltweit ersten Hirnforschungsinstituts in Berlin - dem späteren Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung - einen legendären Hirnatlas mit einer in 52 Regionen unterteilten Großhirnrinde vorlegte. Bis heute bilden die Brodmann-Areale 44 und 45 die beiden Broca-Hälften. Der französische Arzt Pierre Paul Broca hatte an dieser Stelle im Jahre 1861 bei Schlaganfallopfern, die bei völlig normalem Sprachverständnis dennoch abgehackt sprachen, grammatikalisch falsch und oft ohne Syntax, entsprechende Hirnschäden entdeckt. Bald kam heraus, dass die Nervenfasern aus dieser Region die Zungen- und Kehlkopfmuskeln und damit die Orte der Sprachbildung steuern.

          Jahrzehnte lang hielt sich die einfache Zuordnung von Sprachproduktion und Sprachverständnis in die Broca- beziehungsweise Wernicke-Region. Bis schließlich die modernen Hirnscanner, insbesondere die funktionelle Kernspintomographie, das Bild ins Wanken brachten. Ganz offensichtlich können Schäden etwa in der Broca-Region völlig unterschiedliche Sprachstörungen verursachen. Mehr als ein Dutzend sind inzwischen belegt. Sei es, dass Wörter und grammatikalisch richtige Sätze nur mühsam gebildet werden, dass im Telegrammstil gesprochen wird, dass Wörter oder Aussprachen verwechselt werden oder die Sprachmelodie gestört ist.

          Wie viele offene Fragen es im Himblick auf die Architektur und Funktion des Broca-Areals tatsächlich auch nach Jahrzehnten noch gibt, hat schließlich eine vor Jahresfrist veröffentlichte Untersuchung in der Zeitschrift „Science“ (Bd. 326, S. 445) an drei Epilepsie-Patienten deutlich gemacht. Kurz vor der Operation hat man unter der geöffneten Schädeldecke mit fein justierten Elektroden die elektrische Aktivität erstmals im Broca-Areal mit Auflösungen von Millimetern und Millisekunden registriert. Den Patienten waren Worte auf einem Bildschirm gezeigt worden, die sie leise nachsprechen oder aus denen sie Sätze bilden sollten. Mindestens drei an der Sprachproduktion beteiligte Broca-Untergebiete wurden identifiziert.

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