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Grab des Tutanchamun : Wer liegt hinter der vermauerten Wand?

Die Szene an der Nordwand der Sargkammer Tutanchamuns zeigt mehrfach einen Pharao. Doch die Hieroglyphen, die ihn als Tutanchamun ausweisen sind erst nachträglich aufgetragen worden. Bild: Prisma Bildagentur

Das Pharaonengrab des Tutanchamun gilt als besonders gründlich erforscht. Doch nun hat ein Ägyptologe in ihm Spuren vermauerter Zugänge gefunden. Und er glaubt zu wissen, zu wem sie führen.

          Als meine Augen sich der Beleuchtung angepasst hatten, begannen langsam Details des Raumes aus dem Dunst hervorzutreten. Seltsame Tiere, Statuen und Gold – überall das Schimmern von Gold.“ So beschrieb der britische Archäologe Howard Carter (1874 bis 1939) den ersten Blick, den er 1922 in das kurz zuvor unter seiner Leitung entdeckte Grab mit der Nummer KV 62 warf – KV für Kings Valley, Tal der Könige. In dem Wüstental nahe dem Westufer des Nils gegenüber Luxor fanden zwischen ca. 1500 und 1100 v. Chr. die Pharaonen der 18., 19. und 20. Dynastie ihre letzte Ruhe. Es waren Herrscher, unter denen Ägypten einen einsamen Höhepunkt an Macht, Reichtum und Prachtentfaltung erlebte. Die Schätze, die man ihnen mitgab, sind allerdings schon in altägyptischer Zeit wieder aus den Felskammern herausgeräumt worden. Nur aus KV62 nicht, dem Grab des 1323 v. Chr im Alter von 19 Jahren verstorbenen Pharaos Tutanchamun.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          KV62 ist das einzige ägyptische Königsgrab, das weitgehend intakt auf uns gekommen ist. Doch mit 110 Quadratmetern Grundfläche ist es im Vergleich zu vielen anderen Grüften im Tal der Könige geradezu winzig. Trotzdem dauerte es zehn Jahre, bis es ganz ausgeräumt war. Seither dürften gut und gern zehn Millionen Touristen das Grab besucht und die einmalige Bemalung des Raums „J“, der Sargkammer des Königs, bewundert haben. Wenn das Tal noch irgendwo unentdeckte Geheimnisse birgt, dann scheint dies der am wenigsten wahrscheinliche Ort dafür.

          Was Howard Carter nicht wissen konnte

          Jetzt nicht mehr. Ende Juli veröffentlichte der zurzeit an der University of Arizona tätige britische Archäologe Nicholas Reeves im Rahmen des Amarna Royal Tombs Project eine Analyse von Daten, die Howard Carter und seinen Nachfolgern noch nicht zur Verfügung standen. Sie wurden Anfang 2014 von der Madrider Spezialfirma Factum Arte veröffentlicht. Diese hatte die Wandmalereien in der Kammer „J“ mit hoher Auflösung abgelichtet und ihr Oberflächenprofil submillimetergenau vermessen. Reeves hat nun in diesen Profildaten Linienstrukturen entdeckt, die er sich nur auf eine Weise erklären kann: Hinter den Wandmalereien an zwei der vier Wände verbergen sich zugemauerte Durchgänge.

          Das Grab des Tutanchamun im Tal der Könige. Grau die heute bekannten Kammern, gelb die vermuteten weiteren Hohlräume.

          Einer davon würde demnach durch die Westwand der Kammer „J“ führen, und seine Form und Größe entsprächen exakt dem Durchgang, der von der Vorkammer in einen bereits bekannten Raum führt (siehe Grafik). Es ist eine Art Stauraum, in dem Howard Carter seinerzeit allerhand Krüge für Öle und Salben sowie Truhen und Möbel vorfand. Befindet sich hinter der Westwand von „J“ ein ähnlich genutzter Raum, wäre das allein schon die größte ägyptologische Sensation seit 1922. Doch viel weitreichender sind die Linien, die Reeves an der Nordwand der Kammer „J“ fand. Auch unter dem dortigen Wandgemälde, einem der bekanntesten der altägyptischen Kunst, zeichnet sich ein vermauerter Durchgang ab. Darüber hinaus führen dort zwei senkrechte Linien vom Fußboden bis zur Decke, und die linke von ihnen verläuft genau gegenüber der Kante, die Vorkammer und Grabkammer bilden. Es sieht also so aus, als setze sich hinter der übermalten Vermauerung ein Korridor vom Querschnitt der Vorkammer nach Norden in den Fels hinein fort. Diese Form der Vermauerung und der sich andeutende Türdurchgang machen Reeves sicher, dass die Grabanlage dort weitergeht. „Das war keine bloße Verblendung eines unfertigen und irregulären Endes der Aushöhlungsarbeiten“, schreibt er.

          Wohin führt der neue Gang?

          Wohin aber führt der Gang? Folgt man Reeves Argumentation, ist nur eine Antwort möglich: zu einer weiteren Bestattung, die dann noch ebenso erhalten sein muss, wie es die des Tutanchamun war. Die Weite dieses Ganges, groß genug, um die Einzelteile des gewaltigen Sargschreins eines Königs hindurchzubekommen, lassen vermuten, dass dort ein weiterer Pharao liegt.

          Dafür führt Reeves noch ein weiteres Argument an. Im Jahr 2012 hat das Getty Conservation Institute Analysen der Wandmalereien in Kammer „J“ veröffentlicht. Demnach unterscheidet sich die Szene an der Nordwand maltechnisch in einigen Punkten von den Bildern auf den anderen drei Wänden. So wurden die Figuren auf der Nordwand auf weißem Untergrund gemalt, während der sargkammertypische gelbe Hintergrund um die Figuren herum aufgetragen wurde – also nachträglich. Sie dienten daher ursprünglich nicht der Dekoration einer Sargkammer und stellen dabei auch nicht zwingend Tutanchamun als Grabherrn dar.

          Zu spektakulär, um wahr zu sein?

          Dies sind harte archäologische Neuigkeiten. Aber wie schlüssig sind Reeves‘ spektakuläre Interpretationen? Dietrich Wildung, emeritierter Direktor des ägyptischen Museums in Berlin, und seine Ehefrau Sylvia Schoske, die heute das Museum für ägyptische Kunst in München leitet, glauben nicht, dass ihr britischer Kollege zu weit gegangen ist. „Die neuen Fotos der Wände des Tutanchamun-Grabes liefern bislang unbekanntes Material zur architektonischen Struktur,“ sagt Wildung. „Zusammen mit den Beobachtungen des Getty Conservation Center lassen sich die Malereien in verschiedene Arbeitsphasen gliedern. Das hat bislang niemand bemerkt. Die Existenz vermauerter Durchgänge scheint aufgrund der neuen Aufnahmen gesichert.“

          Nun geht Reeves allerdings noch einen Schritt weiter. Denn er hat einen dringenden Verdacht, welche pharaonische Persönlichkeit hinter jener Wand ruht.

          Zwei schattenhafte Pharaonen

          Es kann eigentlich nur der Vorgänger Tutanchamuns gewesen sein. Nun ist es bis heute eine unter Ägyptologen heftig debattierte Frage, wer das war. Der letzte gut greifbare Pharao vor Tutanchamun ist bislang dessen mutmaßlicher Vater Echnaton, der Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. auf den Thron kam. Er war der „Ketzerkönig“, der Ägyptens Götterwelt abschaffte, darunter den von einer mächtigen Priesterschaft betreuten Amun, und durch den Kult der Sonnenscheibe, ägyptisch Aton oder Aten, ersetzte. Zudem verlegte Echnaton die Residenz von Theben (dem heutigen Luxor) in die komplett neu aus dem Boden gestampfte Stadt Achet-Aton, heute Tell el-Amarna, nach der die Epoche bis zur Restauration der alten Verhältnisse unter Tutanchamun Amarna-Zeit genannt wird.

          Echnaton wird in seinem 17. Regierungsjahr zum letzten Mal erwähnt. Echnatons Gattin war Nofretete, die anfangs stets mit ihrem Ehemann dargestellt, dann aber nach dessen 16. Regierungsjahr plötzlich nicht mehr erwähnt wird. Dafür tauchen zwei als königlich gekennzeichnete Namen auf: Neferneferuaten und Semenchkare. Sie müssen Echnaton auf den Thron gefolgt sein, einer vielleicht zunächst als sein Mitregent. Zusammen haben sie aber kaum mehr als vier Jahre regiert, bevor Tutanchamun als Neunjähriger auf den Thron gelangte.

          Tutanchamuns Grabaustattung war second hand

          Von allen dreien, Nofretete, Neferneferuaten und Semenchkare, fehlen die Gräber. Nicht aber unbedingt die Grabausstattung. In den letzten Jahren haben Untersuchungen der Beigaben im Grab KV62 ergeben, dass mehr als achtzig Prozent davon ursprünglich nicht für Tutanchamun gefertigt wurden. Der Löwenanteil, darunter auch die Schreine und Särge sowie die berühmte Goldmaske, waren ursprünglich für Neferneferuaten bestimmt. Diese Pharaonin wurde damit aber nicht bestattet, so dass die Gegenstände nach textlicher Umwidmung verwendet werden konnten, als der junge Tutanchamun überraschend starb.

          Für Reeves passt dieser Befund zu einer Theorie, die vor ihm schon andere vertreten haben, die er aber heute aufgrund einer Analyse der Namen der beiden geheimnisvollen Herrscher als belegt ansieht: Neferneferuaten – so habe sich Nofretete genannt, als sie, wohl im 16. Regierungsjahr ihres Gatten, von der Königsgemahlin zur Mitregentin aufstieg. Nun sei für sie auch eine ihrem neuen Status entsprechende Grabausstattung bestellt worden, die schließlich in KV62 landete. Warum sie diese selbst nicht brauchte? Weil sie vor ihrem Ableben noch einmal aufgestiegen sei. Nach Echnatons Tod wurde sie demnach, wenn auch nur für kurze Zeit, alleinige Herrscherin, und zwar unter dem Namen Semenchkare.

          Nofretete, wo bist du?

          Wenn dies so war, fehlen also nicht drei Gräber, sondern nur eines: das der Frau, die einmal Nofretete war. Und Nicholas Reeves ist sich sicher, wo die berühmteste aller Ägypterinnen bestattet wurde: Hinter der zugemauerten Nordwand der Kammer „J“ des Grabes KV62.

          Dieses Grab war demnach vor dem Anbruch der Amarnazeit als Grab einer Königsgemalin begonnen und unter ihrer Mitregentschaft standesgemäß erweitert worden. Nachdem sie als Vollpharaonin Semenchkare darin bestattet worden war, wurde, wie in anderen Königsgräbern, der innere Zugang zur Sargkammer zugemauert und mit einer Semenchkare darstellenden Wandbemalung versehen. Als zehn Jahre später Tutanchamun starb, war Amarna Geschichte und Amun wieder in alten Würden. An den atongläubigen Echnaton und seine Frau und Nachfolgerin erinnerte man sich jetzt nur noch ungern. Ein gewisser Eje, ein nicht näher mit Tutanchamun verwandter Hofbeamter, hatte nun schnell dessen Bestattung zu organisieren, um seine prekäre Legitimität als neuer Pharao zu sichern. Da wurde KV62 noch mal geöffnet, der Raum vor dem vermauerten Durchgang zur Sargkammer erweitert und unter Wiederverwendung der neu beschrifteten Figuren an der Nordwand goldgelb ausgemalt. Dort hinein kam die Mumie Tutanchamuns. Dahinter aber lag noch immer seine Stiefmutter Nofretete alias Neferneferuaten alias Semenchkare. Und dort liegt sie noch immer.

          Phantastisch, unbewiesen - aber gut begründet

          Klingt das nicht zu phantastisch? Wildung und Schoske weisen darauf hin, dass Reeves nicht nur einer der besten Kenner der Endphase Amarnas ist. Vielmehr liefere seine neue Veröffentlichung auch hinsichtlich der Causa Nofretete handfeste Indizien. „Reeves begründet seinen Schluss, dass Nofretete es war, für die das Grab konzipiert wurde, mit stichhaltigen Argumenten wie Grabplan und Stilistik der Malereien der Nordwand“, sagt Dietrich Wildung. „Ein definitiver Beweis ist das nicht. Den kann erst die Öffnung der verschlossenen Räume liefern.“

          Die Vermauerung einfach einzureißen, wird niemand einfallen. Vor der kostspieligen Sicherung der berühmten Wandmalerei oder dem Bohren eines anderen Zuganges dürfte man nun zuerst versuchen, Reeves‘ Theorie durch Radarmessungen zu stützen. Damit sollte man die vermuteten Hohlräume sichtbar machen können, meint etwa Kent Weeks, der Leiter des Theban Mapping Projects, das sich der exakten Vermessung sämtlicher Gräber im Tal der Könige widmet.

          Wenn Reeves Recht hat, dann würde das unter anderem ein geradezu grelles Licht auf das dunkle Ende der Amarnazeit werfen. Denn liegt dort tatsächlich Nofretete als Pharao Semenchkare, würde dies unter anderem beweisen, dass dieselbe Frau – die in einem der berühmtesten Werke der Amarna-Zeit, ihrer Berliner Büste, dargestellt ist und die mit ihrer Familie zu den Hauptmotiven der Amarna-Kunst gehörte – selbst das Ende Amarnas eingeleitet hat. Schon allein dadurch, dass sie sich ihr Grab im Tal der Könige ausbauen ließ, in unmittelbarer Nähe der Hochburg Amuns. „Wir haben aus einem Graffito Hinweise darauf, dass es in der Epoche der Neferneferuaten zwischen ihr und der Amun-Priesterschaft zu einer Annäherung kam“, sagt Nicholas Reeves. Sowohl sie als zunächst auch noch Tutanchamun scheinen einen Mittelweg versucht zu haben, um beide Seiten glücklich zu machen. Die Wahl des Namens Semenchkare (in dem weder Aton noch Amun vorkommen, sondern nur die alte vielleicht beiden Konfessionen akzeptable Sonnengottheit Re) könnte vielleicht damit zusammenhängen.

          Die historischen Informationen über das Ende von Amarna, einer der faszinierendsten kulturellen Erscheinungen der Menschheitsgeschichte, wären für die Ägyptologie sicher mehr wert als die Schätze, die Nicholas Reeves hinter der Nordwand von Kammer „J“ vermutet. Doch welcher Forscher wäre nicht trotzdem gerne dabei, wenn der erste Lichtstrahl in jene seit mehr als 3300 Jahren versiegelten Räume fällt?

          Die digitalisierten Wandgemälde in KV62 sind zugänglich unter www.highres.factum-arte.org/Tutankhamun

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