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Grab des Tutanchamun : Wer liegt hinter der vermauerten Wand?

Nofretete, wo bist du?

Wenn dies so war, fehlen also nicht drei Gräber, sondern nur eines: das der Frau, die einmal Nofretete war. Und Nicholas Reeves ist sich sicher, wo die berühmteste aller Ägypterinnen bestattet wurde: Hinter der zugemauerten Nordwand der Kammer „J“ des Grabes KV62.

Dieses Grab war demnach vor dem Anbruch der Amarnazeit als Grab einer Königsgemalin begonnen und unter ihrer Mitregentschaft standesgemäß erweitert worden. Nachdem sie als Vollpharaonin Semenchkare darin bestattet worden war, wurde, wie in anderen Königsgräbern, der innere Zugang zur Sargkammer zugemauert und mit einer Semenchkare darstellenden Wandbemalung versehen. Als zehn Jahre später Tutanchamun starb, war Amarna Geschichte und Amun wieder in alten Würden. An den atongläubigen Echnaton und seine Frau und Nachfolgerin erinnerte man sich jetzt nur noch ungern. Ein gewisser Eje, ein nicht näher mit Tutanchamun verwandter Hofbeamter, hatte nun schnell dessen Bestattung zu organisieren, um seine prekäre Legitimität als neuer Pharao zu sichern. Da wurde KV62 noch mal geöffnet, der Raum vor dem vermauerten Durchgang zur Sargkammer erweitert und unter Wiederverwendung der neu beschrifteten Figuren an der Nordwand goldgelb ausgemalt. Dort hinein kam die Mumie Tutanchamuns. Dahinter aber lag noch immer seine Stiefmutter Nofretete alias Neferneferuaten alias Semenchkare. Und dort liegt sie noch immer.

Phantastisch, unbewiesen - aber gut begründet

Klingt das nicht zu phantastisch? Wildung und Schoske weisen darauf hin, dass Reeves nicht nur einer der besten Kenner der Endphase Amarnas ist. Vielmehr liefere seine neue Veröffentlichung auch hinsichtlich der Causa Nofretete handfeste Indizien. „Reeves begründet seinen Schluss, dass Nofretete es war, für die das Grab konzipiert wurde, mit stichhaltigen Argumenten wie Grabplan und Stilistik der Malereien der Nordwand“, sagt Dietrich Wildung. „Ein definitiver Beweis ist das nicht. Den kann erst die Öffnung der verschlossenen Räume liefern.“

Die Vermauerung einfach einzureißen, wird niemand einfallen. Vor der kostspieligen Sicherung der berühmten Wandmalerei oder dem Bohren eines anderen Zuganges dürfte man nun zuerst versuchen, Reeves‘ Theorie durch Radarmessungen zu stützen. Damit sollte man die vermuteten Hohlräume sichtbar machen können, meint etwa Kent Weeks, der Leiter des Theban Mapping Projects, das sich der exakten Vermessung sämtlicher Gräber im Tal der Könige widmet.

Wenn Reeves Recht hat, dann würde das unter anderem ein geradezu grelles Licht auf das dunkle Ende der Amarnazeit werfen. Denn liegt dort tatsächlich Nofretete als Pharao Semenchkare, würde dies unter anderem beweisen, dass dieselbe Frau – die in einem der berühmtesten Werke der Amarna-Zeit, ihrer Berliner Büste, dargestellt ist und die mit ihrer Familie zu den Hauptmotiven der Amarna-Kunst gehörte – selbst das Ende Amarnas eingeleitet hat. Schon allein dadurch, dass sie sich ihr Grab im Tal der Könige ausbauen ließ, in unmittelbarer Nähe der Hochburg Amuns. „Wir haben aus einem Graffito Hinweise darauf, dass es in der Epoche der Neferneferuaten zwischen ihr und der Amun-Priesterschaft zu einer Annäherung kam“, sagt Nicholas Reeves. Sowohl sie als zunächst auch noch Tutanchamun scheinen einen Mittelweg versucht zu haben, um beide Seiten glücklich zu machen. Die Wahl des Namens Semenchkare (in dem weder Aton noch Amun vorkommen, sondern nur die alte vielleicht beiden Konfessionen akzeptable Sonnengottheit Re) könnte vielleicht damit zusammenhängen.

Die historischen Informationen über das Ende von Amarna, einer der faszinierendsten kulturellen Erscheinungen der Menschheitsgeschichte, wären für die Ägyptologie sicher mehr wert als die Schätze, die Nicholas Reeves hinter der Nordwand von Kammer „J“ vermutet. Doch welcher Forscher wäre nicht trotzdem gerne dabei, wenn der erste Lichtstrahl in jene seit mehr als 3300 Jahren versiegelten Räume fällt?

Die digitalisierten Wandgemälde in KV62 sind zugänglich unter www.highres.factum-arte.org/Tutankhamun

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