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Grab des Tutanchamun : Wer liegt hinter der vermauerten Wand?

Dafür führt Reeves noch ein weiteres Argument an. Im Jahr 2012 hat das Getty Conservation Institute Analysen der Wandmalereien in Kammer „J“ veröffentlicht. Demnach unterscheidet sich die Szene an der Nordwand maltechnisch in einigen Punkten von den Bildern auf den anderen drei Wänden. So wurden die Figuren auf der Nordwand auf weißem Untergrund gemalt, während der sargkammertypische gelbe Hintergrund um die Figuren herum aufgetragen wurde – also nachträglich. Sie dienten daher ursprünglich nicht der Dekoration einer Sargkammer und stellen dabei auch nicht zwingend Tutanchamun als Grabherrn dar.

Zu spektakulär, um wahr zu sein?

Dies sind harte archäologische Neuigkeiten. Aber wie schlüssig sind Reeves‘ spektakuläre Interpretationen? Dietrich Wildung, emeritierter Direktor des ägyptischen Museums in Berlin, und seine Ehefrau Sylvia Schoske, die heute das Museum für ägyptische Kunst in München leitet, glauben nicht, dass ihr britischer Kollege zu weit gegangen ist. „Die neuen Fotos der Wände des Tutanchamun-Grabes liefern bislang unbekanntes Material zur architektonischen Struktur,“ sagt Wildung. „Zusammen mit den Beobachtungen des Getty Conservation Center lassen sich die Malereien in verschiedene Arbeitsphasen gliedern. Das hat bislang niemand bemerkt. Die Existenz vermauerter Durchgänge scheint aufgrund der neuen Aufnahmen gesichert.“

Nun geht Reeves allerdings noch einen Schritt weiter. Denn er hat einen dringenden Verdacht, welche pharaonische Persönlichkeit hinter jener Wand ruht.

Zwei schattenhafte Pharaonen

Es kann eigentlich nur der Vorgänger Tutanchamuns gewesen sein. Nun ist es bis heute eine unter Ägyptologen heftig debattierte Frage, wer das war. Der letzte gut greifbare Pharao vor Tutanchamun ist bislang dessen mutmaßlicher Vater Echnaton, der Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. auf den Thron kam. Er war der „Ketzerkönig“, der Ägyptens Götterwelt abschaffte, darunter den von einer mächtigen Priesterschaft betreuten Amun, und durch den Kult der Sonnenscheibe, ägyptisch Aton oder Aten, ersetzte. Zudem verlegte Echnaton die Residenz von Theben (dem heutigen Luxor) in die komplett neu aus dem Boden gestampfte Stadt Achet-Aton, heute Tell el-Amarna, nach der die Epoche bis zur Restauration der alten Verhältnisse unter Tutanchamun Amarna-Zeit genannt wird.

Echnaton wird in seinem 17. Regierungsjahr zum letzten Mal erwähnt. Echnatons Gattin war Nofretete, die anfangs stets mit ihrem Ehemann dargestellt, dann aber nach dessen 16. Regierungsjahr plötzlich nicht mehr erwähnt wird. Dafür tauchen zwei als königlich gekennzeichnete Namen auf: Neferneferuaten und Semenchkare. Sie müssen Echnaton auf den Thron gefolgt sein, einer vielleicht zunächst als sein Mitregent. Zusammen haben sie aber kaum mehr als vier Jahre regiert, bevor Tutanchamun als Neunjähriger auf den Thron gelangte.

Tutanchamuns Grabaustattung war second hand

Von allen dreien, Nofretete, Neferneferuaten und Semenchkare, fehlen die Gräber. Nicht aber unbedingt die Grabausstattung. In den letzten Jahren haben Untersuchungen der Beigaben im Grab KV62 ergeben, dass mehr als achtzig Prozent davon ursprünglich nicht für Tutanchamun gefertigt wurden. Der Löwenanteil, darunter auch die Schreine und Särge sowie die berühmte Goldmaske, waren ursprünglich für Neferneferuaten bestimmt. Diese Pharaonin wurde damit aber nicht bestattet, so dass die Gegenstände nach textlicher Umwidmung verwendet werden konnten, als der junge Tutanchamun überraschend starb.

Für Reeves passt dieser Befund zu einer Theorie, die vor ihm schon andere vertreten haben, die er aber heute aufgrund einer Analyse der Namen der beiden geheimnisvollen Herrscher als belegt ansieht: Neferneferuaten – so habe sich Nofretete genannt, als sie, wohl im 16. Regierungsjahr ihres Gatten, von der Königsgemahlin zur Mitregentin aufstieg. Nun sei für sie auch eine ihrem neuen Status entsprechende Grabausstattung bestellt worden, die schließlich in KV62 landete. Warum sie diese selbst nicht brauchte? Weil sie vor ihrem Ableben noch einmal aufgestiegen sei. Nach Echnatons Tod wurde sie demnach, wenn auch nur für kurze Zeit, alleinige Herrscherin, und zwar unter dem Namen Semenchkare.

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