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Hieroglyphen lernen : Die Zeichen sind nicht das Problem

Der Hase steht für „wn“, sagt die App „Aaou“ - und in welchen Wörtern diese Hieroglyphe zu finden ist. Bild: Archiv

Hieroglyphisch lernen im Selbststudium

          3 Min.

          Wer durch ein archäologisches Museum streift, wird sich eher selten um etwaige Inschriften kümmern. Bei Lateinischem und vielleicht noch Griechischem versucht man möglicherweise, hier und dort Namen zu entziffern, da sind wenigstens die Buchstaben vertraut. Keilschriftzeichen hingegen wirken nicht so, als ob man da ohne jahrelanges Fachstudium etwas lesen lernen kann. Hieroglyphen eigentlich auch nicht.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei lassen gerade sie sich mit gewisser Aussicht auf Erfolg, zumindest im Identifizieren von Pharaonennamen und Verstehen einfacher Textstücke im Selbststudium beibringen. Das Schwierige dabei ist aber nicht etwa die Fülle der verschiedenen Hieroglyphen. Deren Anschaulichkeit macht es einem leicht, sie sich zu merken. Allenfalls die Ähnlichkeit mancher Zeichen führt zuweilen zu Problemen, etwa wenn es gilt, die verschiedenen Vögel auseinanderzuhalten.

          Man spricht Mittelägyptisch

          Gewöhnungsbedürftiger ist der Variantenreichtum der Schreibweisen (siehe „Die Wörter der Götter“) und vor allem die Sprache hinter den Schriftzeichen. Es handelt sich um das sogenannte Mittelägyptische, das etwa zwischen 2100 und 1600 v. Chr. gesprochen wurde. Es unterscheidet sich vergleichsweise wenig von dem Altägyptischen der Pyramidenzeit, aber deutlich von dem Neuägyptischen, in dem sich Echnaton und Nofretete unterhielten. Als Schriftsprache aber blieb bis in die Spätzeit das Mittelägyptische in Gebrauch, weswegen sich alle an der pharaonischen Kultur Interessierten erst einmal damit befassen.

          Aber es ist eine recht fremde Sprache. Anders als Griechisch und Latein gehört es zu einer anderen Sprachfamilie, der afroasiatischen, und ist damit, wenn auch nur weitläufig, mit dem Hebräischen und Arabischen verwandt. Daher finden sich darin ungewohnte Eigenarten. Zum Beispiel hängen Personalbezüge zuweilen vom Geschlecht ab: Zu einem Mann sagt man auf Mittelägyptisch anders „du“ als zu einer Frau. Neben ausreichend Zeit bedarf es daher zum Erlernen auch nur der Grundzüge dieser Sprache einer erhöhten Frustrationstoleranz, bis man sich an derlei gewöhnt hat. Außerdem benötigt man die geeignete Literatur. Hier drei Werke aus einem deutlich größeren Angebot:

          Drei Lehrwerke für jeden Bedarf

          Wer nur eine kurze Einführung darin sucht, wie Hieroglyphen funktionieren, und nur mit einem Minimum an Grammatik behelligt werden möchte, der ist mit Karl-Theodor Zauzichs „Hieroglyphen ohne Geheimnis“ (Philipp von Zabern 2012, 19,99 €) gut bedient. Das robust gebundene Buch hat lediglich 130 Seiten und bietet Besprechungen von zwölf beispielhaft ausgewählten Inschriften. Nicht alles wird dabei restlos erklärt. So bleibt etwa die Bedeutung von Tutanchamuns sogenanntem Thronnamen Neb-cheperu-Re unerläutert.

          Deutlich tiefer steigt Michael Höveler-Müller in „Hieroglyphen lesen und schreiben“ (C. H. Beck 2014, 14,95 €) ein, obgleich der hier besprochene Zeichenumfang mit 151 Hieroglyphen sogar ein wenig kleiner ist als die 166 bei Zauzich besprochenen. Dafür gibt es didaktisch erstklassige Lektionen samt Übungen, die inhaltlich nach altägyptischen Lebensbereichen präsentiert werden, aber grammatische Einblicke bis hin zu Relativformen bieten.

          Wer es dann wirklich genau wissen will, greift vielleicht zu James P. Allens „Middle Egyptian. An Introduction to the Language and Culture of Hieroglyphs“ (Cambridge 2014, 57,89 €). Das 500-Seiten-Werk ist als Lehrbuch für Ägyptologie-Studenten gedacht und listet jede einzelne der mehr als 700 klassischen Hieroglyphen auf. Doch auch für Laien sind die glasklaren Essays zu verschiedenen Aspekten der pharaonischen Kultur von Interesse, mit denen der frühere Kurator am New Yorker Metropolitan Museum seinen anspruchsvollen Gang durch die Grammatik auflockert.

          Hieroglyphen auf dem Handy

          Und eine Smartphone-App gibt es natürlich auch. Sie heißt „Aaou“ und signalisiert schon durch ihrem Preis von 14,99 eine gewisse Wertigkeit. Tatsächlich bietet sie ein recht umfassendes Englisch-Mittelägyptisches Wörterbuch, in dem sich alle der über 700 Hieroglyphen aus der klassischen Liste des britischen Ägyptologen Alan Gardiner (1879 bis 1963) auffinden und Wörter, die sie enthalten, nachschlagen lassen. Mit etwas Gewöhnung an die Benutzeroberfläche ist Aaou ein nützlicher Begleiter bei Streifzügen durch die ägyptische Sammlung eines Museums oder bei der Besichtigung von Monumenten vor Ort.

          Vom gleichem Anbieter gibt es auch noch ein Produkt zum Hieratischen, also der altägyptischen Schreibschrift. Die meisten anderen gegenwärtig verfügbaren Apps zum Thema Hieroglyphen bieten lediglich Listen der 25 Einkonsonantenzeichen. Darunter ist auch jener Satz von Symbolen, der fälschlich oft als „Hieroglyphen-Alphabet“ bezeichnet wird und mit dem etwa ägyptische Souvenierhändler T-Shirts und anderes mit den Namen ihrer Kunden beschriften - in den meisten Fällen ohne jeder Rücksicht auf die Regeln der altägyptischen Kalligraphie.

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