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Wildtierhandel : Wen erwischt es als nächstes?

  • -Aktualisiert am

Nashorn für Arme: Diese getrockneten Seepferdchen hat der Zoll am Münchner Flughafen einem Reisender aus Vietnam abgenommen. Zerstoßene Seepferdchen werden in Südostasien für ein Potenzmittel gehalten. Bild: dpa

Der Handel mit Wildtieren bringt viele Arten an den Rand der Ausrottung. Forscher haben nun berechnet, welche Tiere zukünftig auf dem Markt landen könnten.

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          Vor zwei Jahren fiel Wissenschaftlern der Oxford Brookes University etwas Merkwürdiges auf. Die Experten für Naturschutz hatten Daten von indonesischen Vogelmärkten ausgewertet. In den Aufzeichnungen sahen sie, dass nach der Jahrtausendwende plötzlich die Nachfrage nach Eulen gestiegen war. Waren in den achtziger und neunziger Jahren noch so gut wie gar keine Eulen angeboten worden, zählten die Forscher 2016 schon über 1800 der Vögel auf den Märkten. Bei den meisten handelte es sich um wilde Tiere, die in den Wäldern des Landes gefangen worden waren. Was war passiert? Die Wissenschaftler vermuten, dass die Harry-Potter-Romane und die dazugehörigen Filme den Trend befeuert haben könnten. Schließlich begleitete eine Eule namens Hedwig den Helden der Bücher bei seinen Abenteuern im Zauberinternat. Gut möglich, dass das manchen auf die Idee gebracht hat, sich solch einen Raubvogel als Haustier zu halten.

          Das Beispiel zeigt, wie komplex der Markt für Wildtiere ist. Es gibt unzählige Gründe, warum die Tiere gehandelt werden. Schuppentiere etwa landen auf dem Teller und ihr Panzer wird für die Herstellung traditioneller Heilmittel in China verwendet, ebenso wie Tigerknochen oder das Horn von Nashörnern. Da viele und gerade die begehrtesten Tiere geschützt sind, spielt sich ein riesiger Teil derartiger Handelsbewegungen in der Illegalität ab. Die Naturschutzorganisation WWF schätzt, dass jährlich Wildtiere im Wert von 20 Milliarden Dollar illegal die Besitzer wechseln – zunehmend auch über das Internet. Allein in einem Monat im Jahr 2015 sollen Tausende Elfenbeinprodukte, 77 Nashorn-Hörner und zahlreiche bedrohte Vögel auf sozialen Medien in China angeboten worden sein. Das haben Stichprobe der Artenschutzorganisation „Traffic“ ergeben. Damals beobachteten die Experten unter anderem 14 Facebook-Gruppen mit insgesamt über 67.000 Mitgliedern. Innerhalb von nur 50 Stunden seien dort 200 lebende Wildtiere angeboten worden, darunter Orang-Utans und Malaienbären.

          Verhängnisvolle Hörner

          Beim Handel mit Wildtieren treffen also Jahrtausende alte Vorstellungen über die Heilkräfte von Tierprodukten auf popkulturelle Trends. Im Verein mit der Geschwindigkeit und der globalen Reichweite des Internets, hat sich ein besonders undurchsichtiger Markt entwickelt. Daran wollen der Biologe David Edwards von der University of Sheffield und seine Kollegen etwas ändern. In der aktuellen Ausgabe von Science haben sie versucht vorherzusagen, welche Tiere in Zukunft auf den Märkten landen könnten.

          Über eine solche Prognosemethode zu verfügen, wäre wichtig. Denn der Handel mit Wildtieren gilt neben der Zerstörung von Lebensräumen als eine der wichtigsten Ursachen für den Verlust von Tierarten. 2010 wurde etwa das letzte bekannte Exemplar einer vietnamesischen Unterart des Java-Nashorns tot im Nationalpark Cát Tiên aufgefunden. Wilderer hatten das Tier erschossen und sein Horn abgesägt. Oft sind selbst Experten überrascht, wie schnell der Handel Tiere an den Rand des Aussterbens bringen kann. Die Weltnaturschutzunion IUCN führte den Schildschnabel beispielsweise jahrelang als „potenziell gefährdet“. Das eine vergleichsweise niedrige Kategorie, die Art war also relativ sicher. Doch der in Südostasien beheimatete, bis zu 1,2 Meter lange Vogel, trägt ein imposantes, rotes Horn auf dem Schnabel. Vielen Händlern sei es wertvoller als Elfenbein, berichtete die BBC. „Innerhalb von drei Jahren wurden Zentausende dieser Tiere wegen ihres Horns getötet“, sagt David Edwards. Der Schildschnabel wanderte binnen kürzester Zeit in die Kategorie „vom Aussterben bedroht“. „Das hat mich schockiert“, erinnert sich Edwards. „Denn es passierte praktisch über Nacht.“

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