https://www.faz.net/-gwz-t46j

Grundkurs Soziobiologie (4) : Das Doppelgesicht der Moral

  • -Aktualisiert am

Die Gruppenmoral auf der Bühne der Evolution Bild: picture-alliance / dpa

Die Moral kennt keine Verlierer - oder doch? Schon Freud hat es gewußt: Mit der Gewißheit des eigenen Gutseins wächst auch das Nicht-Gutsein der Anderen. So ist es auch kein Zufall, daß die lautesten Moralisten immer wieder Feindbilder schüren.

          Es ist ein Mißverständnis anzunehmen, daß das biologische Evolutionsgeschehen auf Grund seiner ihm eigenen Funktionslogik gar nicht anders kann, als die naturgesetzliche Konkurrenz der Gene nur in einer offenen, aggressiven Konkurrenz der Individuen auszutragen. Daß der „struggle for life“ gelegentlich auch ziemlich blutig geführt wird, kann nicht bestritten werden, aber entgegen allen, nicht zuletzt durch historische Irrlehren gespeiste Intuitionen, ist Evolution ein viel freundlicherer Vorgang.

          Sie fördert, wovon schon mehrfach die Rede war, auch Kooperation, Barmherzigkeit und alle anderen Verhaltensweisen, die nach unserem Alltagsverständnis jene Moral ausmachen, die zu fördern und mehren als vornehmstes Ziel aller Werteerziehung verstanden wird. Das Gute konnte sich evolutionär behaupten, weil es sich, im Mittel und auf Dauer jedenfalls, für die Genprogramme auszahlte. Die Moral kennt keine Verlierer - oder doch?

          Die Differenzierung der Tugendhaftigkeit

          Man braucht nicht viel Fantasie, um sich evolutionäre Szenarien auszumalen, aus denen eine Solidaritäts-Moral als Gewinnerstrategie hervorgegangen sein könnte. Schließlich dürfte das Leben unserer Vorfahren durch allerlei existenzbedrohende Widrigkeiten begleitet worden sein, deren Meisterung nur durch Solidarität gelang. Man denke nur an das sich alltäglich neu präsentierende Problem des Satt-werden-wollens, und in der Tat belegt anthropologische Feldforschung, wie sich in naturnahen Völkern Nahrungsteilung als „win-win“ Situation präsentiert und damit wohl einen Kristallisationskern solidarischer Moral bildet.

          Unser zweites Gesicht

          In der Geschichte des Menschen werden die Überlebensprobleme allerdings durch ein weiteres vermehrt. Es ist die Bedrohung des Menschen durch den Menschen. Unsere Menschenaffen ähnlichen Vorfahren wurden im Laufe ihrer Geschichte die ökologisch dominanten Kreaturen ihres Lebensraums, und in dem gleichen Maße, wie der Wettbewerb mit anderen Arten um dieselben Nahrungsquellen abnahm, wuchs der Wettbewerb zwischen verschiedenen sozialen Gruppen innerhalb derselben Art. Nicht daß Hunger und Bedrohung durch Raubfeinde und Parasiten keine bedeutende Rolle mehr spielten, aber ein weiteres, mindestens genauso drückendes Problem trat hinzu.

          Es bestand in der ständigen Konkurrenz autonomer Gruppen um ökologische Vorteile. Lebenschancen waren nicht nur knapp, weil Mutter Natur mit ihnen geizte, sondern sie waren auf einmal auch knapp, weil sie einem von der Nachbargruppe streitig gemacht wurden. Bevorteilt in dieser Konkurrenz waren jene Gruppen, die über eine effiziente Binnenmoral verfügten, weil dies ihre Stärkung nach außen ermöglichte. Damit erfuhr Tugendhaftigkeit eine weitere Differenzierung: Gruppenmoral trat auf die Bühne der Naturgeschichte.

          Die Mentalität der „Deschimpansierung“

          Freilich ist Zwischengruppenkonkurrenz keine Erfindung des Homo sapiens. Die Schimpansenforscherin Jane Goodall beschrieb für unsere Vettern das, was in Anwendung auf den Menschen als Krieg bezeichnet wird. Die Vokabel „Krieg“ ist durchaus für die Schimpansenverhältnisse gerechtfertigt, weil sich auch dort eine Psychologie offenbart, wie sie ansonsten für das menschliche Kriegsgeschehen typisch ist. Getragen von einer inhärenten Affinität zu Gewalt verfolgen die Gegner (vorzugsweise die Männer benachbarter Gruppen, kaum Frauen) ganz offensichtlich Tötungsabsichten und setzen diese mit äußerster Brutalität um. Es geht nicht, wie sonst im Tierreich, um die bloße Vertreibung der Konkurrenten, sondern um deren unbarmherzige Vernichtung.

          Jane Goodall spricht von einer Mentalität der „Deschimpansierung“ und zieht damit die Parallele zur „Dehumanisierung“ des menschlichen Gegners. Die mentale Ausgrenzung des Gegners aus dem eigenen moralischen Kosmos vermindert bekanntlich Tötungshemmungen, und dies gelingt nur, weil aus den Grundüberzeugungen der eigenen Moral die epistemische Gewißheit des eigenen Gutseins erwächst, dem das Nicht-Gutsein der Anderen gegenüber steht. Es gibt offensichtlich einen evolutionären Ursprung für das, was auch und untrennbar mit der menschlichen Moral verbunden ist: Ihre Doppelgesichtigkeit. Schimpansen sind deren vormenschliche Zeugen.

          Doppelte Moral ist kein Unfall der Evolution, kein Erbschaden also, sondern zwangsläufiges Ergebnis eines an sich einfachen Zusammenhangs: Je kooperativer Gesellschaften sind, je enger ihre Mitglieder durch eine sie verpflichtende Binnenmoral zusammengehalten werden, desto kampfesstärker vermögen diese nach außen hin aufzutreten. Moral wird erst dann als Moral verstanden, wenn sie einen Feind, gleichsam einen lebenspraktischen Gegenentwurf zu sich selbst konstruiert. Es ist deshalb auch kein Zufall, daß die lautesten Moralisten nicht anders können, als immer wieder Feindbilder zu schüren und Kampf gegen die Anderen für das vermeintlich Gute und Gerechte zu predigen.

          Die Verlierer der Moral

          Moral tritt deshalb zwangsläufig als Doppelmoral in Erscheinung, weil sie gerade und vor allem in sozialen Auseinandersetzungen mit anders Interessierten zur Gewinnstrategie wird. Je höher die Binnenmoral, desto zusammenhängender die Gruppen, und desto größer das Durchsetzungsvermögen nach außen. Es sei ein Naturgesetz, ein Gesetz, demgegenüber wir alles andere als immun sind, räsonierte der Publizist Matt Ridley, daß je kooperativer Gruppen sind, desto gewalttätiger die Kämpfe zwischen ihnen ausfallen.

          Und der amerikanische Zoologie George Williams formulierte einmal in der für ihn typischen zynischen Art, daß die Präferenz für eine Gruppenmoral nichts weiter heißt, als den Völkermord dem einfachen Mord vorzuziehen. Soziobiologie ist jedenfalls in dieser Hinsicht perfekt anschlußfähig an das, was der alte Freud immer schon wußte: Es ist leicht möglich, eine größere Menge Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung der Aggression übrig bleiben.

          Es gibt sie also doch, die Verlierer der Moral. Es sind zunächst die geschlagenen Feinde, die Sündenböcke, die Anderen, und es sind die Binnenopfer der Moral, die damit persönlich den Preis für die Stärkung der Gruppe bezahlen. Die evolutionär in Zwischengruppenkonflikten geformte Psyche, die immer wieder Heldenhaftigkeit und die diese tragende doppelte Moral produziert und belohnt, stellt eine ziemlich hohe Hürde auf dem Weg zu einem friedvollen Miteinander der Völker dar. Sollte man angesichts dessen nicht vielleicht neben Programmen zur Sucht- und , Gewaltprävention auch Programme zur Moralprävention auf den Weg bringen? Denn Kooperation und Fortschritt der menschlichen Gesellschaft sind eben gerade nicht das Ergebnis von Tugend, sondern resultieren aus der Verfolgung von aufgeklärten Einzelinteressen.

          Weitere Themen

          Das Schöne, Wahre und Schmutzige Video-Seite öffnen

          Physikästhetik : Das Schöne, Wahre und Schmutzige

          Seit 400 Jahren lassen Physiker sich bei der Suche nach brauchbaren Theorien über die Natur von ästhetischen Erwägungen leiten. Heute wird bezweifelt, ob das grundsätzlich eine gute Idee ist. Zu Unrecht.

          Topmeldungen

          Österreich und die FPÖ : Es hat noch nie bis zum Ende gehalten

          Nach dem Ibiza-Skandal hat die FPÖ Heinz-Christian Strache schnell fallenlassen. An Herbert Kickl hält sie hingegen auf Gedeih und Verderb fest. Das vertieft einen schon lange existierenden Makel.

          Formel-1-Legende : Niki Lauda ist tot

          Niki Lauda ist gestorben: Der Österreicher wurde 70 Jahre alt. Nicht nur als Rennfahrer in der Formel 1 feierte der dreimalige Weltmeister Erfolge.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.