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Grundkurs Soziobiologie (4) : Das Doppelgesicht der Moral

  • -Aktualisiert am

Die Gruppenmoral auf der Bühne der Evolution Bild: picture-alliance / dpa

Die Moral kennt keine Verlierer - oder doch? Schon Freud hat es gewußt: Mit der Gewißheit des eigenen Gutseins wächst auch das Nicht-Gutsein der Anderen. So ist es auch kein Zufall, daß die lautesten Moralisten immer wieder Feindbilder schüren.

          Es ist ein Mißverständnis anzunehmen, daß das biologische Evolutionsgeschehen auf Grund seiner ihm eigenen Funktionslogik gar nicht anders kann, als die naturgesetzliche Konkurrenz der Gene nur in einer offenen, aggressiven Konkurrenz der Individuen auszutragen. Daß der „struggle for life“ gelegentlich auch ziemlich blutig geführt wird, kann nicht bestritten werden, aber entgegen allen, nicht zuletzt durch historische Irrlehren gespeiste Intuitionen, ist Evolution ein viel freundlicherer Vorgang.

          Sie fördert, wovon schon mehrfach die Rede war, auch Kooperation, Barmherzigkeit und alle anderen Verhaltensweisen, die nach unserem Alltagsverständnis jene Moral ausmachen, die zu fördern und mehren als vornehmstes Ziel aller Werteerziehung verstanden wird. Das Gute konnte sich evolutionär behaupten, weil es sich, im Mittel und auf Dauer jedenfalls, für die Genprogramme auszahlte. Die Moral kennt keine Verlierer - oder doch?

          Die Differenzierung der Tugendhaftigkeit

          Man braucht nicht viel Fantasie, um sich evolutionäre Szenarien auszumalen, aus denen eine Solidaritäts-Moral als Gewinnerstrategie hervorgegangen sein könnte. Schließlich dürfte das Leben unserer Vorfahren durch allerlei existenzbedrohende Widrigkeiten begleitet worden sein, deren Meisterung nur durch Solidarität gelang. Man denke nur an das sich alltäglich neu präsentierende Problem des Satt-werden-wollens, und in der Tat belegt anthropologische Feldforschung, wie sich in naturnahen Völkern Nahrungsteilung als „win-win“ Situation präsentiert und damit wohl einen Kristallisationskern solidarischer Moral bildet.

          Unser zweites Gesicht

          In der Geschichte des Menschen werden die Überlebensprobleme allerdings durch ein weiteres vermehrt. Es ist die Bedrohung des Menschen durch den Menschen. Unsere Menschenaffen ähnlichen Vorfahren wurden im Laufe ihrer Geschichte die ökologisch dominanten Kreaturen ihres Lebensraums, und in dem gleichen Maße, wie der Wettbewerb mit anderen Arten um dieselben Nahrungsquellen abnahm, wuchs der Wettbewerb zwischen verschiedenen sozialen Gruppen innerhalb derselben Art. Nicht daß Hunger und Bedrohung durch Raubfeinde und Parasiten keine bedeutende Rolle mehr spielten, aber ein weiteres, mindestens genauso drückendes Problem trat hinzu.

          Es bestand in der ständigen Konkurrenz autonomer Gruppen um ökologische Vorteile. Lebenschancen waren nicht nur knapp, weil Mutter Natur mit ihnen geizte, sondern sie waren auf einmal auch knapp, weil sie einem von der Nachbargruppe streitig gemacht wurden. Bevorteilt in dieser Konkurrenz waren jene Gruppen, die über eine effiziente Binnenmoral verfügten, weil dies ihre Stärkung nach außen ermöglichte. Damit erfuhr Tugendhaftigkeit eine weitere Differenzierung: Gruppenmoral trat auf die Bühne der Naturgeschichte.

          Die Mentalität der „Deschimpansierung“

          Freilich ist Zwischengruppenkonkurrenz keine Erfindung des Homo sapiens. Die Schimpansenforscherin Jane Goodall beschrieb für unsere Vettern das, was in Anwendung auf den Menschen als Krieg bezeichnet wird. Die Vokabel „Krieg“ ist durchaus für die Schimpansenverhältnisse gerechtfertigt, weil sich auch dort eine Psychologie offenbart, wie sie ansonsten für das menschliche Kriegsgeschehen typisch ist. Getragen von einer inhärenten Affinität zu Gewalt verfolgen die Gegner (vorzugsweise die Männer benachbarter Gruppen, kaum Frauen) ganz offensichtlich Tötungsabsichten und setzen diese mit äußerster Brutalität um. Es geht nicht, wie sonst im Tierreich, um die bloße Vertreibung der Konkurrenten, sondern um deren unbarmherzige Vernichtung.

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