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Grundkurs Soziobiologie (4) : Das Doppelgesicht der Moral

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Jane Goodall spricht von einer Mentalität der „Deschimpansierung“ und zieht damit die Parallele zur „Dehumanisierung“ des menschlichen Gegners. Die mentale Ausgrenzung des Gegners aus dem eigenen moralischen Kosmos vermindert bekanntlich Tötungshemmungen, und dies gelingt nur, weil aus den Grundüberzeugungen der eigenen Moral die epistemische Gewißheit des eigenen Gutseins erwächst, dem das Nicht-Gutsein der Anderen gegenüber steht. Es gibt offensichtlich einen evolutionären Ursprung für das, was auch und untrennbar mit der menschlichen Moral verbunden ist: Ihre Doppelgesichtigkeit. Schimpansen sind deren vormenschliche Zeugen.

Doppelte Moral ist kein Unfall der Evolution, kein Erbschaden also, sondern zwangsläufiges Ergebnis eines an sich einfachen Zusammenhangs: Je kooperativer Gesellschaften sind, je enger ihre Mitglieder durch eine sie verpflichtende Binnenmoral zusammengehalten werden, desto kampfesstärker vermögen diese nach außen hin aufzutreten. Moral wird erst dann als Moral verstanden, wenn sie einen Feind, gleichsam einen lebenspraktischen Gegenentwurf zu sich selbst konstruiert. Es ist deshalb auch kein Zufall, daß die lautesten Moralisten nicht anders können, als immer wieder Feindbilder zu schüren und Kampf gegen die Anderen für das vermeintlich Gute und Gerechte zu predigen.

Die Verlierer der Moral

Moral tritt deshalb zwangsläufig als Doppelmoral in Erscheinung, weil sie gerade und vor allem in sozialen Auseinandersetzungen mit anders Interessierten zur Gewinnstrategie wird. Je höher die Binnenmoral, desto zusammenhängender die Gruppen, und desto größer das Durchsetzungsvermögen nach außen. Es sei ein Naturgesetz, ein Gesetz, demgegenüber wir alles andere als immun sind, räsonierte der Publizist Matt Ridley, daß je kooperativer Gruppen sind, desto gewalttätiger die Kämpfe zwischen ihnen ausfallen.

Und der amerikanische Zoologie George Williams formulierte einmal in der für ihn typischen zynischen Art, daß die Präferenz für eine Gruppenmoral nichts weiter heißt, als den Völkermord dem einfachen Mord vorzuziehen. Soziobiologie ist jedenfalls in dieser Hinsicht perfekt anschlußfähig an das, was der alte Freud immer schon wußte: Es ist leicht möglich, eine größere Menge Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung der Aggression übrig bleiben.

Es gibt sie also doch, die Verlierer der Moral. Es sind zunächst die geschlagenen Feinde, die Sündenböcke, die Anderen, und es sind die Binnenopfer der Moral, die damit persönlich den Preis für die Stärkung der Gruppe bezahlen. Die evolutionär in Zwischengruppenkonflikten geformte Psyche, die immer wieder Heldenhaftigkeit und die diese tragende doppelte Moral produziert und belohnt, stellt eine ziemlich hohe Hürde auf dem Weg zu einem friedvollen Miteinander der Völker dar. Sollte man angesichts dessen nicht vielleicht neben Programmen zur Sucht- und , Gewaltprävention auch Programme zur Moralprävention auf den Weg bringen? Denn Kooperation und Fortschritt der menschlichen Gesellschaft sind eben gerade nicht das Ergebnis von Tugend, sondern resultieren aus der Verfolgung von aufgeklärten Einzelinteressen.

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