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Grundkurs in Soziobiologie (7) : Auf dem Markt der Liebe

  • -Aktualisiert am

Ewiges Mysterium: Welche Kriterien entscheiden die Partnerwahl? Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Sexuelle Anziehung verändert sich mit den kulturellen Umständen. Wir passen unser Verhalten biologisch an. War in den 1950ern noch die pummelige Marilyn Monroe die „Idealfrau“, hätte sie heute kaum noch Aussicht auf Erfolg.

          Männlich und weiblich sind zwei alternative Strategien, mit denen evolutionär erfolgreiche Gene ihr Weiterkommen in die nächste Runde der Evolution zu bewerkstelligen versuchen. Dies geschieht notwendig in einer komplexen Vernetzung von geschlechtlicher Kooperation und Konkurrenz, denn der Erfolg jeder der beiden Strategien hängt vom Verhalten jeweils der anderen ab. Mehr noch: Nicht selten wäre der Erfolg der einen Strategie auf Kosten der anderen zu erhöhen. In diesem Szenario haben sich Partnerwahlstandards herausgebildet, die jeweils zu einer „klugen“ (eher „quasiklugen“), also auf biologischen Erfolg hin angelegte Entscheidungen in Partnerwahlfragen hinwirken.

          Partnerwahlentscheidungen maximieren den Zugang zur jeweils knappen Ressource, die das andere Geschlecht bevorratet, was konkret bedeutet, daß Männer vor allem jene Frauen sexy finden, die Indikatoren von Gesundheit und Fruchtbarkeit zu Markte tragen, während Frauen bei Männern eher nach Indikatoren der sozialen Plazierung suchen. Kurz: Macht, Geld, Ehrgeiz werden getauscht gegen Jugend. Das Selbst-Aufbrezeln der Marktteilnehmer und -teilnehmerinnen erfolgt genau entlang dieser Indikatoren: Wer wie die Kosmetikindustrie Jugend verkauft, verdient an Frauen, und wer wie die Luxusgüterindustrie soziales Prestige verkauft, verdient an Männern.

          Biologische Strategien von Moden abhängig

          Soziobiologisch interessant werden diese Beobachtungen erst angesichts der Unterschiedlichkeit, mit der Kulturen und auch die Individuen innerhalb der Kulturen die soeben grob umrissene Matrix der Partnerwahlleitbilder interpretieren. Marilyn Monroe war in „Some like it hot“ regelrecht pummelig, und sie hätte mit dieser Figur heutzutage vermutlich kaum noch Aussicht auf großen Erfolg. Also, so die messerscharfe Schlußfolgerung, unterliegen doch Partnerwahlstandards historischen Moden. Verliert angesichts dessen Soziobiologie nicht jegliche Erklärungskraft und muß sich jenen antievolutionistischen Theorien beugen, die immer schon kulturelle Prozesse als Sache sui generis verstanden haben? Wozu eine vermeintlich angestrengte biologische Erdung kultureller Phänomene, wenn diese doch von historischen Zufälligkeiten abhängen?

          Unser zweites Gesicht

          Nun, so zufällig, wie so oft vermutet, verläuft Kulturgeschichte nicht. Auch nicht die Geschichte der sexuellen Ästhetik. Biologische Strategien, einschließlich die der Partnerwahl, sind sozioökologisch konditionale Strategien. Will sagen, daß die biologische Angepaßtheit von Verhalten eine Frage der jeweiligen Umstände ist. Allerdings, und dies unterscheidet die soziobiologische Auffassung von einer rein kulturistischen, ist die Milieuabhängigkeit psychischer Strategien und Präferenzen als Ausdruck evolutionärer Angepaßtheit (im Mittel wenigstens) biologisch sinnvoll. Die menschliche Psyche ist zumindest bis zu einem gewissen Grad fähig, die besonderen Umstände, das heißt die Opportunitäten, Begrenzungen und Risiken der persönlichen Lebenslage im Hinblick auf die persönliche Kosten-Nutzen-Bilanz zu bewerten und im Verhalten zu berücksichtigen. Partnerwahlpräferenzen sind deshalb nur zentrale Tendenzen, aber keine fixen Größen. Kurz: Die Biologie der Liebe ist eingebettet in eine Ökologie der Liebe.

          Leben wird von Kompromissen regiert

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