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Grundkurs in Soziobiologie (18) : Lernfähig, aber nicht belehrbar

  • -Aktualisiert am

Lohnt sich das Lernen? Das entscheidet das Gehirn schon im Voraus. Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Hinweis auf die außergewöhnliche Lernfähigkeit des Menschen stellt die Bedeutung der Gene in Frage. Dabei ist das kein Widerspruch: Auch das Gehirn legt unbewusst fest, was sich überhaupt zu lernen lohnt - das, was man in seiner Lebenswelt braucht.

          Die soziobiologischen Sichtweisen auf den Menschen, seinen Geist und dessen Leistungen werden häufig mit dem Hinweis auf die außergewöhnliche Lernfähigkeit des Menschen in Frage gestellt. Der Einfluss evolutionär erfolgreicher Gene mag sich zwar gelegentlich in besonders irrationalen, triebhaften Situationen zeigen, aber schließlich sei der Mensch das „noch nicht festgestellte Tier“ wie Arnold Gehlen es formulierte, und als Instinkt reduziertes Mängelwesen ein „Sitzenbleiber der Evolution“, wie es Odo Marquard ausdrückte. Das Ende der Naturgeschichte des Menschen sei eingeläutet worden mit der evolutionären Erfindung des Gehirns. An die Stelle angeborener Instinkte trete erlerntes Wissen, womit sich die Evolution schließlich selbst ausgehebelt habe. Das mache den Menschen zum Schöpfer seines eigenen Geschicks.

          Wie dem auch sei: Der Mensch ist außergewöhnlich lernfähig, worin er sich vom Tier unterscheidet und deshalb mit biologischen Kategorien nur äußerst unzulänglich beschreibbar ist, wird vielfach behauptet. Könnte es sein, dass Lernen gar nicht von biologischer Determination befreit, wie man seit Herders Mängelwesen-Philosophie annehmen könnte, sondern sich nahtlos einfügt in die soziobiologische Sicht auf die Umtriebe des Menschen?

          Jedes Gehirnmodul ist für eine Aufgabe optimiert

          Wie alle anderen Organe ist auch das Gehirn zu einem einzigen biologischen Zweck entstanden. Es soll im Wettbewerb des Lebens Informationen verarbeiten. Deshalb ist es kein von der Biologie fernes Luxusorgan. Denn obwohl es nur rund zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, verbraucht das Gehirn über 20 Prozent unserer täglich aufgenommenen Energie. Es sollte also zu etwas gut sein und zwar im Sinne biologischer Nützlichkeit. Die Schwäche der Mängelwesen-Auffassung besteht darin, sich das Gehirn als weitgehend unspezialisiertes Organ vorzustellen, das, wenn schon die Idee von der tabula rasa heutzutage kaum mehr vertreten werden kann, so doch aber bei Geburt noch so weitgehend inhaltsleer ist, dass es auf Grund seiner Unspezialisiertheit für alle möglichen Lernumgebungen offen ist.

          Unser zweites Gesicht

          Das stimmt nicht wirklich. Denn ganz im Einklang mit der Evolutionstheorie wird zunehmend deutlich, dass jeweils ganz spezifische Hirnfunktionen als adaptive Antworten auf die je spezifischen adaptiven Probleme entstanden sind. Der Fachausdruck für diese Auffassung heißt „Modularität“. Die Psychologin Leda Cosmides und der Anthropologe John Tooby, beide maßgeblich an der Entwicklung dieser Überlegungen beteiligt, vergleichen deshalb das Gehirn lieber mit einem Schweizer Armee-Messer als mit einem Allzweck-Computer. Und zwar deshalb, weil auch das Schweizer Messer aus sehr verschiedenartigen Werkzeugen, den Modulen, zusammengesetzt ist, die jeweils optimal für eine spezielle Aufgabe optimiert sind. Die Gehirnmodule suchen sich gezielt die Information, die sie zur eigenen Entwicklung brauchen.

          Persönlichkeit auf Lebenskontext einjustieren

          Nehmen wir beispielhaft den Spracherwerb. Die Muttersprache entwickelt sich im Normalfall gleichsam automatisch, das heißt ohne bewussten Aufwand in dem dafür vorgesehen Zeitfenster der ersten Lebensjahre. Das Erlernen einer Zweitsprache in späteren Lebensjahren ist ungleich schwieriger. Die Intonation der erlernten Fremdsprache erreicht niemals ganz die Authentizität der Muttersprache. Welche der rund 5000 Sprachen dieser Welt man erwirbt, ist freilich vom Zufall der Geburt abhängig und biologisch vollkommen bedeutungslos. Es geht ja um eine Verständigung innerhalb der eigenen Sprachgemeinschaft.

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