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Grundkurs in Soziobiologie (17) : Das eine Drittel Glück

  • -Aktualisiert am

Vorbilder des Medienkonsumenten? Fernsehserie „Reich und schön” Bild: picture-alliance / dpa

Emotionen dienen als Navigationssystem durchs menschliche Leben. Sie sind Teil des unbewussten Apparates, der sich im Laufe der Evolution gebildet hat. Auch negative Emotionen haben ihre Funktion: Dauerhaftes Glück ist biologisch nicht vorgesehen.

          Die Soziobiologie entwirft ein Bild von den menschlichen Antrieben, das in der Selbstwahrnehmung nicht einmal in groben Konturen aufscheinen will. Immer wieder ist von revolutionären Interessen, Strategien und Zwecken die Rede, von Fitnessmaximierung gar und Kosten-Nutzen-Bilanzen, von Konzepten also, die in der Sprache eines bewussten Kalküls formuliert sind, die aber in der Rationalität des denkenden Menschen so gar nicht vorkommen. Niemand will auch nur mit einem Fünkchen Bewusstheit seine Fitness maximieren, und die Bilanzen des täglichen Lebens mögen sich um alles Mögliche drehen, nur nicht um die Wahrscheinlichkeit genetischer Repräsentanz in der nächsten Generation.

          Und dennoch: Menschen gehorchen wie alle anderen Lebewesen der Logik der Evolution. Das zwar nicht mit den Mitteln eines bewussten Kalküls, wohl aber mittels einer von Motiven, Stimmungen und Affekten getragenen Verhaltenssteuerung. Unsere Verhaltenssteuerung arbeitet, „als ob“ sie jene komplizierten Abwägungen vornimmt, von denen in der Soziobiologie so häufig die Rede ist. Sich evolutionär angepasst zu verhalten und dem biologischen Imperativ zu gehorchen, bedarf nicht eines rationalen Entscheiders. Die evolutionäre Weisheit ist die Verhalten steuernde Maschinerie selbst, deren Prozesse und Algorithmen in langen Selektionsprozessen so geformt wurden, „als ob“ sie rational entscheiden könnte.

          Neutrale Emotionen gibt es nicht

          Eine ganz wesentliche Rolle in der „Quasi-Rationalität“ spielen die Emotionen. Sie sind als Navigationssystem durch die Lebens- und Überlebensprobleme evolviert und damit Teil jenes evolutionären Autopiloten, der uns ganz ohne Verstand, aber im Mittel bestmöglich durch die Fährnisse des Lebens bringt. Und deswegen sind auch nur Situationen emotional wirksam, die mit einem Zugewinn oder einem Verlust reproduktiver Ressourcen einhergehen. Neutrale Emotionen gibt es logischerweise nicht, weil Situationen, die weder bedrohlich noch vielversprechend erscheinen, ohne biologische Bedeutung sind und deshalb kein Navigationssystem brauchen.

          Unser zweites Gesicht

          Wohl aber bilden Gesundheit, Partner, Nachkommen, Freunde, Besitz, Prestige und die Geschicke der sozialen Bezugsgruppe die Kristallisationskerne für unsere emotionale Klaviatur. Hoffnung, Verlangen, Glück, Vergnügen, Erleichterung heißen die hedonistischen Belohnungen evolutionären Gehorsams, während Angst, Furcht, Trauer, Schmerz, Enttäuschung den Weg auf Risiken weist.

          Nicht evolviert, dauerhaft glücklich zu sein

          Wenn das alles so stimmen würde, hätten wir doch eine verlässliche Anleitung zum Glücklichsein, mit Erfolgsgarantie. Aber warum sind wir desto trotz nicht immer glücklich? Etwa weil es die Umstände nicht zulassen? Seit 1956 befragt man in den Vereinigten Staaten die Bevölkerung nach ihrer Lebenszufriedenheit, und der Anteil derjenigen, die sich als „very happy“ bezeichnen, bleibt über die Jahrzehnte mit erstaunlich geringen Schwankungen bei dreißig Prozent praktisch konstant. Und dies trotz allen politischen, sozialen, medizinischen, ökonomischen und sonstigen Fortschritts.

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