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Grundkurs in Soziobiologie (15) : Angeberei als Hochkultur

  • -Aktualisiert am

Gute Chancen bei der Partnersuche: ein prächtiger Pfau Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Evolution hat nicht nur nützliche Merkmale hervorgebracht. So ist das prächtige Kleid des Pfauen eher hinderlich für das Tier. Diese „Handicaps“ haben aber eine wichtige Funktion: Mit Luxus signalisieren auch Menschen ihre verborgenen Eigenschaften.

          Warum eigentlich hat der Pfauenhahn ein solch prächtiges Schmuckgefieder? Es scheint alles andere als biologisch nützlich und deshalb Darwin und seine Vorstellungen offen zu verhöhnen. Schließlich muß das Männchen dafür viel hochwertige Nahrung beschaffen und verwerten. Es ist fast flugunfähig und läuft deshalb Gefahr, besonders leicht zur Beute zu werden. Wozu also der ganze verschwenderische Aufwand?

          Nun - die Pfauenhennen wollen das so. Sie wählen nämlich die Väter ihrer Kinder nach deren Prachtgefieder aus, und die schönsten barocken Hähne sind die Gewinner in der Konkurrenz um Sex und Vaterschaft. Warum aber, so wird man fragen müssen, ist den Weibchen das männliche Äußere derart wichtig? Schließlich werden sie nach allen Regeln der Vererbung ihrerseits Söhne produzieren, die sich ebenso aufwendig, mühsam und riskant durchs Leben schlagen müssen. Warum verliert sich nicht das Handicap eines biologisch unnützen Luxusanhangs zugunsten eines billigeren Sparmodells? Die Antwort ist verblüffend einfach: Die schönsten Pfauenhähne zeugen die gesündesten Kinder.

          Der prächtigste Hahn ist der gesündeste

          Es war der israelische Ornithologe Amotz Zahavi, der einer lange Zeit skeptischen Fachwelt die Logik des „Handicap-Prinzips“ erläuterte. Er erkannte, daß die Evolution nicht nur im engen Sinn nützliche Merkmale hervorbringt, sondern auch „teure Signale“, eben Handicaps wie der Pfauenschwanz. Die Botschaft der teuren Signale ist einfach und logisch: Nur wer es sich leisten kann, Extrakosten in Kauf zu nehmen, kann es sich tatsächlich leisten. Fälschung ausgeschlossen.

          Unser zweites Gesicht

          Und deswegen ist der prächtigste Pfauenhahn in der Tat der gesündeste. Jeder blut- und darmparasitendurchseuchte Mitbewerber um die Gunst der Weibchen kann schlicht und ergreifend nicht mithalten. Investition in Luxus ist hier Investition in kommunikative Ehrlichkeit. Und von dieser Ehrlichkeit profitieren beide: der Signalsender, weil er seinen Status unmißverständlich kommunizieren kann, und der Signalempfänger, weil dieser bei der Einschätzung der Dinge verläßlichen Kriterien trauen kann. Bei Pfauen jedenfalls.

          „Beweise mir, daß du nicht lügst“

          Wozu dient eigentlich Luxus? Auch eine Uhr zum Preis eines Kleinwagens zeigt die Zeit nicht alltagsrelevant präziser an als eine Fünf-Euro-Uhr von der Tankstelle, und schon gar nicht hat der Träger einer Luxusuhr mehr Zeit als der Träger einer Billiguhr. Die Funktion von Luxus liegt sicher nicht in seiner praktischen, sondern statt dessen in seiner kommunikativen Funktion. Das Teure, mag es in Begriffen wie Luxus, Verschwendung oder Übertreibung daherkommen, hat Signalfunktion. Es kommuniziert ansonsten verborgene Eigenschaften desjenigen, der den Preis dafür gezahlt hat. Menschen fabrizieren in Ermangelung natürlicher Handicaps ihre artifiziellen Pfauenschwänze.

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