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Grundkurs in Soziobiologie (14) : Nichts ist vom Himmel gefallen

  • -Aktualisiert am

Unser zweites Gesicht Bild: F.A.Z.

Auf den ersten Blick ist Religiosität alles andere als naturgeschichtlich plausibel. Was immer Kunst und Religion heute auszeichnen mag, fiel bestimmt nicht einfach so vom Himmel. Teil 14 des Grundkurses in Soziobiologie.

          Die soziobiologische Perspektive sieht den Menschen konsequent eingebunden in das irdische Naturgeschehen. Von Anbeginn und lückenlos der formenden Kraft des Darwinschen Prinzips ausgesetzt, kann er nur als naturgesetzlich determiniertes und den biologischen Imperativ exekutierendes Wesen gedacht werden. In dieser Sicht sollten Menschen wie alle anderen Arten neben ihnen ihren Lebensaufwand auf das Hier und Heute ausrichten.

          Wozu, wenn es doch letztlich um das diesseitige „survival of the fittest“ geht, sollte sich der Mensch in den Glaubenslabyrinthen des Religiösen verlieren? Wozu Hoffnungen auf Liebe und Ängste vor Strafe aus Quellen, die naturwissenschaftlich gar nicht darstellbar sind und deren ontologischer Status auch dem Gläubigsten unklar bleiben muß? Auf den ersten Blick ist Religiosität alles andere als naturgeschichtlich plausibel, und deshalb wird der betende Mensch gern als Beleg für die Auffassung verwendet, daß es auf Erden eben doch nicht so hundertprozentig darwinisch zugehe.

          So-so-Biologie statt Soziobiologie?

          Je weiter die Soziobiologie den harten Kern existentieller Prioritäten von Selbsterhaltung, Sex und Fortpflanzung verläßt und in andere Bereiche vorstößt - man denke an das soziale Phänomen Kooperation -, desto komplizierter werden ihre Erklärungen. Bis schließlich ganz außen auf ihrer epistemischen Zwiebel solche biologisch augenscheinlich wenig produktiven Phänomene erscheinen wie Kunst und Religiosität. Soziobiologie läuft hier Gefahr, zur So-so-Biologie zu mutieren.

          Dies sei zugestanden. Und dennoch: Es gibt zunehmend Befunde, wonach auch die Symbolkultur wie Religion und Kunst auf kognitiven und affektiven Mechanismen aufbaut, die eine gut rekonstruierbare Naturgeschichte erkennen lassen. Wie sollte es auch anders sein? Was immer Kunst und Religion auszeichnen mag, fiel bestimmt nicht einfach so vom Himmel. Diese Aussage nimmt übrigens nicht Stellung zu der Frage, ob es Gott gibt oder nicht.

          Rituale sind für Soziobiologen „teure Signale“

          Vergleichbar der Sprachfähigkeit, die nahezu allen Menschen eigen ist und sich je nach Zufall der Geburt in einer der zigtausend verschiedenen Sprachen entfalten kann, ist Religiosität entwicklungsoffen. Und ebenso wie alle bekannten Sprachen scheinen auch alle bekannten Religionen eine gemeinsame Tiefenstruktur zu besitzen. Es gibt zumindest vier Elemente, um die herum sich die kulturelle Blütenpracht der Religionen entfaltet. Sowohl Mythen als auch Mystik, Ethik und Rituale kennzeichnen jede Religion. Keine dieser vier Komponenten scheint verzichtbar. Die soziobiologische Herausforderung besteht nun darin, jede dieser vier Komponenten mit biologischer Funktion in Verbindung zu bringen.

          Das gelingt bislang nur partiell. Während die Evolution der Moral wegen der Kooperationsgewinne, die sie ermöglicht, recht gut nachgezeichnet werden kann, erlangen Mythen als Stifter sozialer Identität und Bindung eine soziale Funktion. Die in der Menschheitsgeschichte so wichtige Unterscheidung zwischen Wir und den anderen bedarf gemeinsamer Geschichten. Rituale sind das, was Soziobiologen „teure Signale“ nennen. Sie dienen in einer Welt des Eigennutzes der Implementierung von Ehrlichkeit, Solidarität und Verläßlichkeit in sozialen Gruppen mit anspruchsvoller Binnenmoral. Das Verständnis der Mystik ist noch am widerspenstigsten.

          Auch das Jenseitige trägt irdische Züge

          Biologischer Nutzen scheint noch am ehesten in den intuitiven Ontologien zu liegen, mit denen unter mystischer Verklärung kreativ gespielt wird. Auch das Jenseitige trägt irdische Züge, ansonsten könnte man sich keine Vorstellung vom Jenseitigen machen. Diese Intuitionen haben sich evolutionär bewährt, weil sie in der unsicheren und fluktuierenden Welt unserer Vorfahren zur schnellen Entscheidungsfindung befähigten. Die naturnah lebenden Menschen der Urgeschichte wurden nicht zuletzt danach ausgelesen, wie schnell und spontan sie Lebendiges von Nichtlebendigem, Gefährliches von Harmlosem, Beseeltes von Nichtbeseeltem zu unterscheiden vermochten.

          Für eine soziobiologische Interpretation ist von entscheidender Bedeutung, daß evolutionäre Szenarien erkennbar werden, in denen sich wesentliche Elemente der Religiosität herausgebildet haben. Die intuitiven Ontologien der Mystik haben zu tun mit Selbsterhaltungsproblemen, Ethik mit vorteilhafter Kooperation, Mythen stärken das Wir und damit die Kampfkraft in den die Menschheitsgeschichte ständig begleitenden Zwischengruppenkonflikten, und Rituale schließlich arbeiten gegen das „Schwarzfahrerproblem“ in moralischen Gruppen.

          Gläubige verarbeiten stressige Situationen besser

          Es sieht also ganz danach aus, daß auch Religiosität als bislang mächtigste Bastion der Antinaturalisten fallen könnte. Wirklich überraschen sollte das an sich niemanden, denn auch konventionelle Religionstheorie sieht Nutzen im Religiösen. Kontingenzbewältigung wird immer wieder angeführt, wenn es um eine Begründung des Erfolgs religiöser Überzeugungen geht. Und in der Tat: Zahlreiche empirische Studien zeigen immer wieder, daß stressreiche Lebensereignisse von gläubigen Menschen offensichtlich besser verarbeitet werden als von der Rationalität verpflichteten Nichtgläubigen. Religiosität und evolutionäre Tauglichkeit fallen wohl schlußendlich doch irgendwie zusammen.

          Die spannende Frage ist, welche der beiden Seiten diese Zwangsehe am besten verkraften wird, denn gedemütigt werden beide Seiten: die Glaubensvertreter nicht so sehr durch die wissenschaftliche Widerlegung vieler ihrer Grundannahmen als vielmehr durch die Einsicht, daß sie trotz aller angeblichen Weltentrücktheit der diesseitigen darwinischen Nutzenfunktion nicht entkommen. Der Naturalist hingegen muß mit der ungeliebten Einsicht leben, daß auch der ansonsten kritisch-rationalste Kopf ein irrationales Glaubenssystem beheimaten kann.

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