https://www.faz.net/-gwz-tp52

Grundkurs in Soziobiologie (11) : Ist es ein Junge oder ein Mädchen?

  • -Aktualisiert am

Bruder oder Schwester : In wen wird mehr investiert? Bild: ddp

Zu fast allen Zeiten und in fast allen Kulturen haben Eltern ihre Söhne anders behandelt als ihre Töchter. Aber auch in unserer Gesellschaft investieren privilegierte Eltern mehr in männliche Nachkommen, unterprivilegierte setzen ihre Hoffnungen eher in Mädchen.

          Die Idee, daß Jungen und Mädchen gleich behandelt werden sollten, ist historisch neu. Sie hat erst vor wenigen Jahren begonnen, unsere Köpfe zu erobern. Ansonsten galt zu allen Zeiten und in allen Kulturen wie selbstverständlich, daß es für Eltern nicht unerheblich sein kann, welches Geschlecht ihre Kinder haben. Die Geschichte lehrt, daß die jeweils vorherrschende kulturelle Interpretation der Geschlechtsunterschiede nicht selten mit mehr oder weniger handfesten Präferenzunterschieden einherging. Und die wiederum fielen regelmäßig zu Lasten der Mädchen aus. Wo immer die nachgeburtliche Kindstötung kulturell legitimiert war, ob bei den arktischen Inuit, den Eipo im Hochland von Papua-Neuguinea oder den indischen Brahmanen, waren es mehrheitlich die neugeborenen Mädchen, denen man das Leben verwehrt hat.

          Geschlechtspräferenzen haben freilich nur selten derart dramatische Konsequenzen. Wie sonst, wenn nicht durch eine unausgesprochene Hoffnung auf Jungen, wäre es zu erklären, daß im modernen, aufgeklärten Deutschland des 21. Jahrhunderts die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Geburt signifikant größer ist, wenn das erstgeborene Kind weiblich ist?

          Töchter als reproduktionsstrategisches Risiko

          Auf den ersten Blick erscheinen derartige Befunde soziobiologisch wenig plausibel, denn schließlich sind Eltern mit allen ihren Kindern gleich eng verwandt und sollten deshalb ein gleiches Interesse an allen ihren Nachkommen entwickeln. Betrachtet man den elterlichen Aufwand aber als gewinnorientierte Investition (wovon in der letzten Folge dieses Grundkurs ausführlich die Rede war), gewinnen Geschlechterpräferenzen deutlich an Plausibilität. So gibt es einen gut nachzuweisenden Zusammenhang zwischen den Lebenschancen, die Eltern ihren Kindern zuweisen, und dem Beitrag, den Kinder jeweils zur Familienökonomie leisten.

          Unser zweites Gesicht

          Wenn wie beispielsweise bei den Inuit praktisch einhundert Prozent der Kalorien von Männern erwirtschaftet werden, stellen Töchter ein reproduktionsstrategisches Risiko dar. Und wenn beispielsweise im ländlichen Ostfriesland des 18. und 19. Jahrhunderts möglicherweise ruinöse Erbaufteilungen drohen, ist der Bedarf an Jungen schnell gedeckt. Nicht wirklich überraschend ist, daß die weichenden Erben bereits im Säuglingsalter unter einem deutlich erhöhten Sterberisiko leiden. Und wenn wie beispielsweise bei den ostafrikanischen Mukogodo wegen bestimmter lokaler Umstände Töchter besser verheiratet werden können als Söhne, gewinnen Mädchen an Aufmerksamkeit und Fürsorge. Wegen dieser Gewinnaussichten werden sie beispielsweise mit größerer Wahrscheinlichkeit den Ärzten der lokalen Missionsstationen vorgestellt als Söhne, die hier nur die zweite Geige spielen.

          Die biologische Tiefenstruktur der Geldwert-Ökonomie

          Nun gut - diese und viele vergleichbare Phänomene unterschiedlichen Elterninvestments sind Ausdruck puren ökonomischen Denkens der Familien, wird man einwenden wollen. Und deshalb werden sie in dem gleichen Maße verschwinden, wie Kinder dank moderner humanistischer Entwicklungen aus ökonomischen Zwängen befreit werden. Wirklich? Nichts gegen ökonomische Erklärungen unterschiedlichen Elternverhaltens - sie werden keineswegs bezweifelt -, sie sind nur ein Teil der Antwort, denn unter der Oberfläche der Geldwert-Ökonomie entfaltet sich gemäß soziobiologischen Annahmen die biologische Tiefenstruktur der Geldwert-Ökonomie. Und die läßt erwarten, daß wegen der Verschiedenartigkeit der Lebenslagen mit ihren unterschiedlichen sozialen Chancen Geschlechterpräferenzen innerhalb ein- und derselben Gesellschaft häufig recht gegensätzlich ausfallen können. Es wäre ja biologisch ausgesprochen unklug, nur in das eine, das bevorzugte, Geschlecht zu investieren. Man braucht zur Fortpflanzung bekanntermaßen auch das andere, und deshalb haben der Funktionslogik biologischer Märkte entsprechend einige Eltern durchaus etwas davon, sich gegen den Trend zu verhalten und in das andere Geschlecht zu investieren.

          Das nach seinen Autoren genannte Trivers-Willard-Prinzip sagt voraus, wie sich die Geschlechterpräferenzen in der Gesellschaft vermutlich verteilen werden: Eltern, die auf Grund ihrer priviligierten Lebenssituation ziemlich sicher sein können, daß sie ihre Lebensvorteile an ihre Kinder weitergeben können, werden mit einiger Wahrscheinlichkeit eher auf Jungen setzen. Diese werden in der Lage sein, ihre weniger bevorteilten Mitkonkurrenten um gesellschaftlichen Erfolg und schließlich um weibliche Gunst zu übertreffen. Wer hingegen befürchten muß, in der gesellschaftlichen Konkurrenz seinen Kindern keinen privilegierten Startplatz mitgeben zu können, wird seine Gewinnerwartungen an Mädchen festmachen. Eine Fortpflanzung benachteiligter Mädchen ist weniger gefährdet als die benachteiligter Jungen.

          Sozial bessergestellte Mütter stillen ihre Jungen länger

          Soweit die Theorie. Im großen und ganzen bestätigt diese sich auch, zumindest, wenn man traditionale Gesellschaften in den Blick nimmt. Freilich kommen immer wieder Diskussionen auf, ob denn Trivers und Willard auch etwas zu modernen Gesellschaften zu sagen hätten, zu Gesellschaften also, in denen nachgeburtliche Familienkontrolle strafbar ist und in denen Jungen-Mädchen-Gleichheit in Würde, Recht und Erziehung gesetzlich beschlossen wurde. Zugegebenermaßen gibt es nicht viele Untersuchungen, die sich diesem Problem widmen. Wo man aber der Frage nachgegangen ist, findet sich, daß Eltern dazu tendieren, je nach eigener Schichtzugehörigkeit unterschiedlich auf das Geschlecht ihrer Kinder zu reagieren.

          So neigen sozial bessergestellte Mütter dazu, ihre Jungen im Mittel länger zu stillen, als weniger privilegierte Mütter. Der Vorteil, ein Sohn zu sein, nimmt mit der sozialen Stellung der Eltern zu. Der häusliche Erziehungsaufwand wird im Vergleich mit den Töchtern relativ größer. Dies zeigt sich - zumindest in den Vereinigten Staaten - auch in den Schulkarrieren. Je sozial stärker Familien sind, desto länger gehen ihre Söhne im Vergleich zu den Töchtern zur Schule. In sozial schwächeren Familien dreht sich die Tendenz um.

          Weitere Differenzierungen treten hinzu, wie zum Beispiel die Stellung der Kinder in der Geschwisterfolge. Geschlechterpräferenzen sind demnach mehr als reine Reflexe auf gesellschaftliche Normen und Ideologien. Sie haben viel mit persönlichen Interessen zu tun. Ganz offensichtlich nutzen Eltern die herrschenden Ideologien, interpretieren sie auf der Matrix biologisch evolvierter Interessen und eigener Lebenslagen und zeigen auf diese Weise einmal mehr, wie sie als biologisch evolvierte, eigeninteressierte Akteure am Sozialleben teilhaben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.