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Grundkurs in Soziobiologie (11) : Ist es ein Junge oder ein Mädchen?

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Bruder oder Schwester : In wen wird mehr investiert? Bild: ddp

Zu fast allen Zeiten und in fast allen Kulturen haben Eltern ihre Söhne anders behandelt als ihre Töchter. Aber auch in unserer Gesellschaft investieren privilegierte Eltern mehr in männliche Nachkommen, unterprivilegierte setzen ihre Hoffnungen eher in Mädchen.

          Die Idee, daß Jungen und Mädchen gleich behandelt werden sollten, ist historisch neu. Sie hat erst vor wenigen Jahren begonnen, unsere Köpfe zu erobern. Ansonsten galt zu allen Zeiten und in allen Kulturen wie selbstverständlich, daß es für Eltern nicht unerheblich sein kann, welches Geschlecht ihre Kinder haben. Die Geschichte lehrt, daß die jeweils vorherrschende kulturelle Interpretation der Geschlechtsunterschiede nicht selten mit mehr oder weniger handfesten Präferenzunterschieden einherging. Und die wiederum fielen regelmäßig zu Lasten der Mädchen aus. Wo immer die nachgeburtliche Kindstötung kulturell legitimiert war, ob bei den arktischen Inuit, den Eipo im Hochland von Papua-Neuguinea oder den indischen Brahmanen, waren es mehrheitlich die neugeborenen Mädchen, denen man das Leben verwehrt hat.

          Geschlechtspräferenzen haben freilich nur selten derart dramatische Konsequenzen. Wie sonst, wenn nicht durch eine unausgesprochene Hoffnung auf Jungen, wäre es zu erklären, daß im modernen, aufgeklärten Deutschland des 21. Jahrhunderts die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Geburt signifikant größer ist, wenn das erstgeborene Kind weiblich ist?

          Töchter als reproduktionsstrategisches Risiko

          Auf den ersten Blick erscheinen derartige Befunde soziobiologisch wenig plausibel, denn schließlich sind Eltern mit allen ihren Kindern gleich eng verwandt und sollten deshalb ein gleiches Interesse an allen ihren Nachkommen entwickeln. Betrachtet man den elterlichen Aufwand aber als gewinnorientierte Investition (wovon in der letzten Folge dieses Grundkurs ausführlich die Rede war), gewinnen Geschlechterpräferenzen deutlich an Plausibilität. So gibt es einen gut nachzuweisenden Zusammenhang zwischen den Lebenschancen, die Eltern ihren Kindern zuweisen, und dem Beitrag, den Kinder jeweils zur Familienökonomie leisten.

          Unser zweites Gesicht

          Wenn wie beispielsweise bei den Inuit praktisch einhundert Prozent der Kalorien von Männern erwirtschaftet werden, stellen Töchter ein reproduktionsstrategisches Risiko dar. Und wenn beispielsweise im ländlichen Ostfriesland des 18. und 19. Jahrhunderts möglicherweise ruinöse Erbaufteilungen drohen, ist der Bedarf an Jungen schnell gedeckt. Nicht wirklich überraschend ist, daß die weichenden Erben bereits im Säuglingsalter unter einem deutlich erhöhten Sterberisiko leiden. Und wenn wie beispielsweise bei den ostafrikanischen Mukogodo wegen bestimmter lokaler Umstände Töchter besser verheiratet werden können als Söhne, gewinnen Mädchen an Aufmerksamkeit und Fürsorge. Wegen dieser Gewinnaussichten werden sie beispielsweise mit größerer Wahrscheinlichkeit den Ärzten der lokalen Missionsstationen vorgestellt als Söhne, die hier nur die zweite Geige spielen.

          Die biologische Tiefenstruktur der Geldwert-Ökonomie

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