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Grundkurs in Soziobiologie (11) : Ist es ein Junge oder ein Mädchen?

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Nun gut - diese und viele vergleichbare Phänomene unterschiedlichen Elterninvestments sind Ausdruck puren ökonomischen Denkens der Familien, wird man einwenden wollen. Und deshalb werden sie in dem gleichen Maße verschwinden, wie Kinder dank moderner humanistischer Entwicklungen aus ökonomischen Zwängen befreit werden. Wirklich? Nichts gegen ökonomische Erklärungen unterschiedlichen Elternverhaltens - sie werden keineswegs bezweifelt -, sie sind nur ein Teil der Antwort, denn unter der Oberfläche der Geldwert-Ökonomie entfaltet sich gemäß soziobiologischen Annahmen die biologische Tiefenstruktur der Geldwert-Ökonomie. Und die läßt erwarten, daß wegen der Verschiedenartigkeit der Lebenslagen mit ihren unterschiedlichen sozialen Chancen Geschlechterpräferenzen innerhalb ein- und derselben Gesellschaft häufig recht gegensätzlich ausfallen können. Es wäre ja biologisch ausgesprochen unklug, nur in das eine, das bevorzugte, Geschlecht zu investieren. Man braucht zur Fortpflanzung bekanntermaßen auch das andere, und deshalb haben der Funktionslogik biologischer Märkte entsprechend einige Eltern durchaus etwas davon, sich gegen den Trend zu verhalten und in das andere Geschlecht zu investieren.

Das nach seinen Autoren genannte Trivers-Willard-Prinzip sagt voraus, wie sich die Geschlechterpräferenzen in der Gesellschaft vermutlich verteilen werden: Eltern, die auf Grund ihrer priviligierten Lebenssituation ziemlich sicher sein können, daß sie ihre Lebensvorteile an ihre Kinder weitergeben können, werden mit einiger Wahrscheinlichkeit eher auf Jungen setzen. Diese werden in der Lage sein, ihre weniger bevorteilten Mitkonkurrenten um gesellschaftlichen Erfolg und schließlich um weibliche Gunst zu übertreffen. Wer hingegen befürchten muß, in der gesellschaftlichen Konkurrenz seinen Kindern keinen privilegierten Startplatz mitgeben zu können, wird seine Gewinnerwartungen an Mädchen festmachen. Eine Fortpflanzung benachteiligter Mädchen ist weniger gefährdet als die benachteiligter Jungen.

Sozial bessergestellte Mütter stillen ihre Jungen länger

Soweit die Theorie. Im großen und ganzen bestätigt diese sich auch, zumindest, wenn man traditionale Gesellschaften in den Blick nimmt. Freilich kommen immer wieder Diskussionen auf, ob denn Trivers und Willard auch etwas zu modernen Gesellschaften zu sagen hätten, zu Gesellschaften also, in denen nachgeburtliche Familienkontrolle strafbar ist und in denen Jungen-Mädchen-Gleichheit in Würde, Recht und Erziehung gesetzlich beschlossen wurde. Zugegebenermaßen gibt es nicht viele Untersuchungen, die sich diesem Problem widmen. Wo man aber der Frage nachgegangen ist, findet sich, daß Eltern dazu tendieren, je nach eigener Schichtzugehörigkeit unterschiedlich auf das Geschlecht ihrer Kinder zu reagieren.

So neigen sozial bessergestellte Mütter dazu, ihre Jungen im Mittel länger zu stillen, als weniger privilegierte Mütter. Der Vorteil, ein Sohn zu sein, nimmt mit der sozialen Stellung der Eltern zu. Der häusliche Erziehungsaufwand wird im Vergleich mit den Töchtern relativ größer. Dies zeigt sich - zumindest in den Vereinigten Staaten - auch in den Schulkarrieren. Je sozial stärker Familien sind, desto länger gehen ihre Söhne im Vergleich zu den Töchtern zur Schule. In sozial schwächeren Familien dreht sich die Tendenz um.

Weitere Differenzierungen treten hinzu, wie zum Beispiel die Stellung der Kinder in der Geschwisterfolge. Geschlechterpräferenzen sind demnach mehr als reine Reflexe auf gesellschaftliche Normen und Ideologien. Sie haben viel mit persönlichen Interessen zu tun. Ganz offensichtlich nutzen Eltern die herrschenden Ideologien, interpretieren sie auf der Matrix biologisch evolvierter Interessen und eigener Lebenslagen und zeigen auf diese Weise einmal mehr, wie sie als biologisch evolvierte, eigeninteressierte Akteure am Sozialleben teilhaben.

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