https://www.faz.net/-gwz-tnng

Grundkurs in Soziobiologie (10) : Evolution im Kinderzimmer

  • -Aktualisiert am

Innerfamiliäre Ungerechtigkeit: Geschwister zählen nicht immer gleich Bild: ddp

Mit der Fortpflanzung ist es wie mit der Vermögensbildung: Das mühsam aufgebaute Kapital will möglichst gewinnträchtig investiert werden. Deshalb werden Kinder trotz aller Ideale auch innerhalb einer Familie nicht immer gleich behandelt.

          Das Aufziehen von Kindern ist bekanntlich teuer. In den Preis fließt zuallererst das entgangene Erwerbseinkommen ein, auf das meist die Mutter verzichtet, wenn sie die Rolle der häuslichen Erzieherin übernimmt. Dazu kommen die wirtschaftlichen Kosten, die Eltern aufbringen müssen, wollen sie ihren Nachwuchs für ein gelingendes Leben in der modernen Gesellschaft ausstatten, und nicht zuletzt die biologischen Kosten, die unvermeidbar mit dem Kinderkriegen einhergehen. Diese Kosten können als eine Art Investition verstanden werden, die zu leisten erforderlich ist, wenn man nicht aus dem endlosen Evolutionsspiel ausscheiden will.

          Wenn man aber investieren will, muß man auch etwas zu investieren haben, und deshalb hat die biologische Evolution gleichsam für einen zweiphasigen Lebensverlauf gesorgt. Zunächst geht es darum, jenes Fortpflanzungspotential zu entwickeln, zu vermehren und zu sichern, das später investiert werden kann. Man nennt diese Phase Kindheit und Jugend, die um so länger ausgeprägt ist, je mehr der Lebensalltag durch einen Verdrängungswettbewerb geprägt wird. Schließlich muß soziale Konkurrenzfähigkeit aufgebaut werden, und das schließt bei uns Menschen auch Attribute wie Ausbildung oder materielle Ausstattung ein. Falls die ökologischen Umstände hingegen eher ein schnelles „Brüten“ favorisieren, bleibt nicht viel Zeit zwischen Geburt und eigener Fortpflanzung. Ein erhöhter Aufwand an Kindheit und Jugend lohnt sich evolutionär allerdings nur, wenn früher oder später der Übergang in die zweite Lebensphase erfolgt, nämlich in jene Phase, Elternschaft genannt, in der das angesammelte Fortpflanzungspotential tatsächlich genutzt wird.

          Geliebte und weniger geliebte Kinder

          Das darwinsche Geschehen hat uns Menschen, wie alle anderen Organismen, zu Reproduktionsstrategen gemacht, die evolutionär geformt wurden, das mühsam aufgebaute Investitionskapital möglichst gewinnträchtig einzubringen. Im Jargon der Soziobiologen spricht man von „differentiellem Elterninvestment“, womit gemeint ist, daß die einzelnen Kinder einer Familie unterschiedlich von dem abbekommen, was Eltern zu geben in der Lage sind. Was allen bürgerlichen Erziehungsidealen widerspricht und was in den heutigen Wenig-Kind-Familien fast vergessen scheint und höchstens nur noch subtil zum Tragen kommt, sind jene Erziehungsstile, in denen Kinder auch innerhalb ein und derselben Familie ganz unterschiedliche Positionen einnehmen. Es gibt geliebte und weniger geliebte Kinder, und die Rollenerwartungen an die Kinder können sehr unterschiedlich ausfallen. Wer nicht weiß, wovon die Rede ist, möge sich an die Grimmschen Märchen erinnern, die in poetischer Verschnörkelung soziale Szenarien unterschiedlichen Elterninvestments abgebildet haben.

          Unser zweites Gesicht

          Die Möglichkeiten der Eltern sind dabei weit gefächert. Sie reichen (theoretisch) von der unterschiedlichen physiologischen Versorgung der Föten und Embryonen über Abtreibung und Kindstötung über ein differenziertes nachgeburtliches Fürsorgeverhalten (man denke an Stilldauern oder die Bereitschaft, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen) über eine unterschiedliche psychohygienische Versorgung der Kinder bis hin zur unterschiedlichen Zuweisung sozialer Chancen über Erziehung und Ausbildung oder Mitgift- und Erbschaftszahlungen. Möglichkeiten, das zu produzieren, was man als innerfamiliäre Ungerechtigkeit empfinden kann und was die Arbeitsplätze zahlreicher Therapeuten sichert, gibt es viele für Eltern. Aber warum sollten sie davon Gebrauch machen? Welche evolutionär gewachsenen Gründe sollte es geben, innerfamiliäre Asymmetrien in der Behandlung der Kinder herbeizuführen?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Müssen sich auf Reformen einigen: Luigi Di Maio und Matteo Salvini im Februar in Rom

          Italiens Regierung : Salvini droht mit vorgezogenen Wahlen – mal wieder

          Italiens Innenminister steht wegen der Affäre um mögliche Parteispenden aus Russland unter Druck – und bedrängt nun seinen Koalitionspartner. Es sei noch genügend Zeit, das Parlament aufzulösen und nach der Sommerpause neu zu wählen.

          Bayern München : Die klare Botschaft des Manuel Neuer

          Dortmund hat kräftig aufgerüstet. Die Bayern indes kommen auf dem Transfermarkt nicht so richtig voran. Torwart Manuel Neuer sieht das gelassen – und verrät, welches besondere Ziel die Münchner antreibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.