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Glosse: Rattenfotos gegen Gentechnik : Das Gruselmuseum von Berlin

  • Aktualisiert am

Eine Schlagzeile vor knapp einem Jahr. Bild: Kruczek

Rattenalarm im Berliner Naturkundemuseum: Mit einer historischen Ausstellung zur DNA hat man die Wächter der Gentechnik aufgebracht. Hilft das Museum einem Gen-Scharlatan?

          2 Min.

          Das Naturkundemuseum in Berlin hat, fast muss man sagen: wie jedes einigermaßen ansprechende Naturmuseum, ein großes Herz für Monster. Nicht nur für die großen, spektakulären Monster aus der Kreidezeit, die von Hollywood mit Namen wie „Scharfzahn“ verherrlicht werden, im Museum jedoch mit ihrem unbarmherzigen Zerstörungspotential gezeigt werden. Auch für die Allerweltsmonster und die kleinen Monstrositäten des Alltags hat man in Berlin viel übrig. Warum auch nicht? An Halloween zum Beispiel zeigt ein Evolutionsbiologe in der Monster-Filmnacht die „spektakulärsten Tier-Monsterfilme“ und liest dazu gruselige Texte. Grauenerregend ist allerdings auch, was in der Sonderausstellung „Entwicklungen - 60 Jahre Entdeckung der DNA-Struktur“ seit April gezeigt wird und bis Dezember zu sehen ist: Es ist das Zeitungsbild einer Ratte, die von einem tennisballgroßen Tumor entstellt ist und mit dem Horrortitel kommentiert wird: „Schock-Studie: Genmais macht Krebs.“

          Wir erinnern uns: Der umstrittene französische Genforscher Gilles-Éric Séralini hatte die Rattentumorfotos mit der dazugehörigen Studie vor mehr als einem Jahr einem wissenschaftlichen Journal untergejubelt, die Gutachter geschickt überlistet und als Impresario anschließend einen Medienzirkus veranstaltet, der ihn unsterblich machen sollte. Eine Unterstützerseite im Internet, die den Namen des Franzosen trägt und mächtig gegen die etablierte Genforschung ätzt, soll ihm dabei helfen. Ein paar Besucher jedoch, darunter der Vorsitzende der Zentralen Kommission für Biologische Sicherheit (ZKBS), Herbert Pfister, wollten nach einem Besuch dringend eine Korrektur der Séralini-Darstellung in Berlin bewirken. Pfister hat an den Präsidenten der für das Museum zuständigen Leibniz-Gemeinschaft geschrieben und um eine Klarstellung gebeten - ihm fehlt der Hinweis, „dass die Aussagen der Séralini-Studie unmittelbar nach der Publikation von zahlreichen Fachwissenschaftlern aufgrund ungeeigneten Designs, unzureichender Auswertung, lückenhafter Darstellung der Ergebnisse und wegen des Fehlens aussagekräftiger statistischer Tests zurückgewiesen wurden“. Den zwischenzeitlich informierten Museumsdirektor Johannes Vogel ließ das allerdings kalt. Entscheidend für ihn ist: Die Studie war in einer regulär begutachteten Fachzeitschrift erschienen - die von der ZKBS eingereichten Dokumente nicht. Séralini, so wurde entschieden, bleibt. Nach einer Diskussion mit einem anderen Besucher will nun zumindest der Ausstellungsleiter, Uwe Moldrzyk, die halbminütliche Animation zur Séralini-Studie - die einzige Stelle in der Schau übrigens, in der der Risikoaspekt der grünen Gentechnik thematisiert wird - überarbeiten und darauf hinweisen, „dass die Ergebnisse wissenschaftlich quasi hinfällig sind“.

          Man wolle sensibilisieren und Diskussionen anregen. Erfolg ist, wenn das Interesse des Besuchers geweckt ist und er nach dem Fall Séralini googelt. Dann, so der Ausstellungsleiter, findet er auch die Gegendarstellungen zur umstrittenen Studie und kann sich sein eigenes Bild über die Gefährlichkeit von Genmais machen. Séralini, so darf man das Ergebnis also werten, mag als Wissenschaftler ein Rattenfänger sein, seine Monster aber sind didaktisch ein Renner. Dafür macht man ihn offenbar gerne mit einer historischen Schau noch ein bisschen unsterblicher. Gruselig!

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