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Gesundheitsrisiko Tattoo : Ein Mensch, kein Ei: Unser Körper schluckt die Farben

  • -Aktualisiert am

„Mexikanische Braut“ wird während der Leipziger Tattoo-Messer auf den Oberarm eines Mannes tätowiert. Bild: dapd

Jeder vierte junge Mensch lässt sich Bilder in die Haut stechen. Viele Tätwowierfarben, vor allem die schwarzen, enthalten krebserregende Stoffe. Ein Risiko?

          Immer mehr Menschen lassen sich Bilder in die Haut stechen, die sie unwiderruflich durchs Leben begleiten. Vor allem bei Jüngeren kommt der permanente Körperschmuck an: Jeder Vierte zwischen 14 und 34 trägt heute ein Tattoo, beliebte Stellen dafür sind Arme, Rücken oder Steiß. Doch eine Tätowierung birgt mitunter erhebliche Gesundheitsrisiken. Die Rede ist weniger von akuten Folgen oder Reaktionen auf die Behandlung wie Infektionen, Entzündungen oder Allergien, sondern von den Langzeitwirkungen der Tätowiermittel. Untersuchungen, wie sie etwa in der vergangenen Woche auf einer Tagung der Lebensmittelchemischen Gesellschaft in Jena vorgestellt wurden, haben ergeben, dass in den Farben häufig gesundheitsschädliche Stoffe enthalten sind. Das ist umso alarmierender, als kaum Daten darüber vorliegen, wie die Substanzen im Körper verteilt und abgebaut werden. Und die aktuelle rechtliche Regelung für Tätowiermittel ist nicht umfassend dazu geeignet, den Verbraucher vor solchen Gesundheitsrisiken zu schützen.

          Beim Tätowieren zersticht man die Haut mit Nadeln und bringt dabei ein Farbmittel durch die Epidermis hindurch in die darunterliegende Dermis. Die Schutzfunktion der Haut wird also bewusst aufgehoben. Was anschließend mit dem Farbmittel im Körper passiert, wie es sich verteilt oder ob es am Stoffwechsel teilnimmt, ist weitgehend unbekannt. Aus Untersuchungen mit Mäusen, die am Rücken mit schwarzer Farbe tätowiert wurden, weiß man jedoch, dass die Pigmente nicht an Ort und Stelle bleiben. Bei den Nagern hatte die Pigmentkonzentration am Rücken nach sechs Wochen um etwa dreißig Prozent abgenommen, wohin die Stoffe transportiert wurden, ist unklar. Besorgniserregend sind auch die wiederholten Berichte von Medizinern, die in den Lymphknoten von tätowierten Patienten Pigmentanreicherungen fanden.

          Auf der Tagung in Jena stellte Sandra Leonhardt von der Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen Untersuchungen an Farben aus Tattoostudios vor. Geprüft wurden insgesamt 26 Farben, darunter dreizehn schwarze und dreizehn bunte Proben. In acht der schwarzen Farben fanden die sächsischen Wissenschaftler bedenklich hohe Gehalte an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, sogenannten PAKs, die teilweise als krebserregend gelten. In den schwarzen Tätowiermitteln wurden bis zu 55 ppm (“parts per million“) PAKs nachgewiesen. Der technisch unvermeidbare Wert liegt bei 0,5 ppm, wurde also um den Faktor 100 überschritten.

          Ermittelt wurde auch der Gehalt an Benzopyren. Dieser PAK-Vertreter ist karzinogen, er wird verantwortlich gemacht für Hautkrebs bei Schornsteinfegern und Lungenkrebs bei Rauchern. Für Benzopyren gilt ein technisch unvermeidbarer Wert von 0,005 ppm. Mit nachgewiesenen Gehalten von 0,2 bis 0,6 ppm enthielten die schwarzen Farben auch davon viel zu viel. In einer Stellungnahme zu den Ergebnissen erklärte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), dass diese Werte eine ernste Gesundheitsgefahr bedeuten. Über Rapex, das Schnellwarnsystem für den Verbraucherschutz in der EU, wurde sogleich vor den gefährlichen Produkten gewarnt.

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