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Forensische Psychiatrie : Gesucht: Ein Profil zur Terroristenfrüherkennung

  • Aktualisiert am

Fahndungsbilder zweier Männer, die nach den Pariser Anschlägen vom 13.11.2015 als weitere Verdächtige von der belgischen Polizei gesucht werden. Bild: dpa

Nach Terroranschlägen ist oft die zentrale Frage: Was war der Attentäter für ein Mensch? Im Gespräch erklärt der Psychiater Norbert Leygraf, warum eine Früherkennung von Terroristen unmöglich ist.

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          Herr Leygraf, nicht erst seit den Anschlägen von Paris wissen wir, wie gefährlich islamistische Terroristen auch in Europa sind. Als forensischer Psychiater interviewen Sie seit 25 Jahren Terroristen und begutachten sie in Gerichtsverfahren: Gibt es ein besonderes psychologisches Profil, das helfen könnte, solche Gewalttäter vorab zu erkennen?

          Nein. Zumal diese Menschen in der Regel nicht psychisch krank sind. Wir kennen auch keine spezifischen Persönlichkeitsmerkmale, mit denen man aus der großen Gruppe der Verdächtigen einzelne, besonders gefährliche Kandidaten herausfiltern könnte.

          Ihr amerikanischer Kollege Marc Sageman kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Die von ihm untersuchten 172 Terroristen waren in der Regel psychisch unauffällig und litten nur selten unter sozialen oder anderen Problemen, die ihre Hinwendung zum islamistischen Terror erklären könnten.

          Das ist nicht untypisch. Auch in anderen terroristischen Gruppierungen sind die gesellschaftlichen Eliten überrepräsentiert. Möglicherweise haben Menschen mit einem niedrigen Einkommen eher materielle als ideologische Interessen. Allerdings hat Sageman islamistische Kämpfer im Nahen Osten untersucht. Diese Leute kann man mit den Menschen, die uns in Europa in den letzten 10, 15 Jahren Probleme bereiten, wahrscheinlich nicht vergleichen.

          Warum?

          Ich glaube, dass ich hierzulande jetzt schon die vierte Generation islamistischer Terroristen erlebe. Die erste Generation waren die Studenten in der Hamburger Zelle um Mohammed Atta. Hochintelligente junge Männer aus gutem Elternhaus, die schon als strenggläubige Muslime nach Deutschland kamen und hier dann von der Al-Qaida-Ideologie infiziert wurden. Unter ihren Nachfolgern gab es dagegen nur wenige charismatische und überzeugte Kämpfer, die fanden sich eigentlich nur unter den Führern dieser Gruppen. Der Rest waren überwiegend Einwanderer, die mit ihrem Leben nicht zurechtkamen.

          Zum Beispiel?

          Nehmen wir den Kölner Kofferbomber: ein junger Mann, der von seinen strenggläubigen libanesischen Eltern zur Ausbildung nach Deutschland geschickt worden war, dann aber im Studium völlig versagte. Als dieses Scheitern aufzufliegen drohte, entschloss er sich zur Flucht nach vorn – in den Terrorismus. Mit dem gescheiterten Attentat auf zwei Regionalzüge wollte er vor allem das eigene Versagen übertünchen. Bei anderen Gruppenmitgliedern fiel der brüchige Lebensstil auf: Shadi A., ein ehemaliger Kleinkrimineller, hielt zum Beispiel immer einen Teil des gemeinsamen Geldes für Drogen, Alkohol und Prostituierte zurück. Bei den Sauerland-Attentätern und den anderen Mitgliedern der dritten Generation handelte es sich dagegen um eher narzisstisch orientierte Menschen, die zwar auch Identifikationskrisen erlebt hatten, aber sonst nicht besonders auffällig waren.

          Und die aktuellen IS-Kämpfer?

          Die muss man fast schon als Teil einer Jugendbewegung betrachten. Der „Islamische Staat“ vertritt offensichtlich eine Ideologie, mit der sich Jugendliche aus bestimmten Kreisen sehr schnell anfreunden können. Auch eine Frage des Alters: In einer bestimmten Phase sind junge Männer anfällig für radikale Ideen, für die man kämpfen kann und mit deren Hilfe man sich ethisch auch noch besonders erhaben fühlen darf. Der IS spricht mit seinen Werbekampagnen gezielt solche Jugendliche auf der Sinnsuche an: Komm zu uns, hier kannst du kämpfen, hier kannst du töten. Inzwischen werden seltener martialische Hinrichtungsszenen gezeigt, weil es die Leute zu sehr abschreckt. Solange diese Organisation militärisch so erfolgreich agiert, steht zu befürchten, dass viele sich sagen: Mit den Siegertypen laufe ich jetzt mal mit.

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