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Gesichtsbewertung : Bin ich schön? Oder bloß hübsch?

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Auf diesem Weg wird der Lerneffekt gesteuert. Anfangs spuckt der untrainierte Algorithmus Alters- und Attraktivitätsbewertungen aus, die mehr oder weniger stark von den gewünschten Outputwerten abweichen - also der durchschnittlichen Beurteilung der betreffenden Fotos in der Dating App. Hier beginnt die Arbeit Rothes als Erzieher seiner Software. Er versucht herauszufinden, an welcher Strippe im Neuronennetzwerk gezogen werden muss - welche Verbindungen stärker oder schwächer gewichtet werden müssen -, um das Ergebnis in die gewünschte Richtung zu lenken. „Je mehr Schichten ein Netzwerk hat, desto kompliziertere Lernvorgänge kann es bewältigen. Aber desto schwieriger wird es auch, das Netzwerk zu beherrschen und es richtig zu trainieren“, sagt Rothe.

Doch nicht nur die Anzahl der neuronalen Schichten, von denen howhot stolze 16 besitzt, spielt eine Rolle. Auch die Anzahl der im Verlauf des Trainings eingegebenen Bilder ist von Bedeutung: Je größer der Datensatz, mit dem das Netzwerk kalibriert wird, desto akkurater die Ergebnisse. Probleme bereitet allerdings die Herkunft der Bilder: Weil hauptsächlich junge Nutzer mit der Dating App die Profilbilder gleichaltriger Nutzer bewerten, fällt es dem Algorithmus schwer, die Attraktivität älterer Menschen einzuschätzen - er ist daran einfach nicht gewöhnt. Außerdem hat er nur gelernt, was unsere Zeitgenossen anzieht. Dass sich Schönheitsideale gewandelt haben und auch weiterhin wandeln werden, kann das Programm nicht wissen. Lola Montez, die anno 1848 mit ihren Verführungskünsten Ludwig den I. von Bayern um seine Krone brachte, hält howhot (je nach Bild wahlweise „ok“, „nice“ oder „hot“) für eher durchschnittlich. Ähnlich ergeht es der Stummfilmschauspielerlin Louise Brooks. Marylin Monroe dagegen kommt mit „hot“ auch heute noch gut weg.

Bärte sorgen für ein Neuronenfeuerwerk

Während die Attraktivitätsbestimmung also noch etwas unsicher ist, punktet howhot, wenn es um die Altersabschätzung geht. Mit den Daten aus der Dating App wäre das schwierig gewesen. Deshalb hat Rothe hier einen anderen Trainingsdatensatz verwendet, der Fotos und Altersangaben unter anderem aus Wikipedia-Artikeln und der Internet Movie Database bezieht. Daher liegt howhot bei der Altersabschätzung im Schnitt nur etwa 3,5 Jahre daneben. Damit könnte die automatische Gesichtserkennung auch für Werbetreibende interessant werden. In Kaufhäusern könnte die Software anhand von Aufnahmen der Überwachungskameras automatisch ermitteln, welche Personengruppen sich wie lange in bestimmten Abteilungen aufhalten. Und digitale Werbeschilder könnten erkennen, welchem Geschlecht und welcher Altersgruppe die Betrachter angehören, und die geschaltete Werbung entsprechend anpassen.

Was genau sich das Netzwerk im Selbststudium angeeignet hat, weiß nicht einmal der Entwickler. Fest stehe allerdings, sagt Rothe, „dass Merkmale, die nicht dem Standard entsprechen, zu einer hohen Neuronenaktivität führen“. Bärte zum Beispiel lösen ein wahres Neuronenfeuerwerk aus. Ob sich das positiv oder negativ auswirkt, ist von Fall zu Fall anders. Im Test mit unterschiedlichen Fotos zeigt sich, dass Leonardo DiCaprio eine Rasur zu empfehlen ist, wenn er nicht von „stunning“ auf „nice“ zurückfallen möchte, während Daniel Radcliffe durch Gesichtsbehaarung an Attraktivität gewinnt: Aus „hot“ wird „stunning“. Überhaupt ist howhot recht einfach zu manipulieren. Unabhängig vom allgemeinen Erscheinungsbild einer Person kann sich die Wertung ändern, wenn man die Lichtverhältnisse variiert oder den Kopf in einem anderen Winkel zur Kamera dreht. So wird aus „ok“ ganz schnell „stunning“. Wer dennoch auf eine objektive Bewertung hofft, sollte ein frontales Porträtbild hochladen - damit arbeitet howhot am besten.

Für den Nutzer Fisch/Master3001 erwies sich die miese Bewertung seiner Attraktivität sogar als Glücksfall. Weil sein Tweet von einem Fernsehsender aufgegriffen wurde, twitterte er anschließend stolz: „Jetzt bin ich berühmt, ich werde die Weltherrschaft an mich reißen, ich war im Fernsehen“. Mit „stunning“ wäre ihm das nicht passiert.

Im Internet: https://howhot.io/

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