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Wal-Forschung in Island : Jeder Wal ist anders

  • -Aktualisiert am

„Nach manchen von ihnen kann man fast die Uhr stellen.“

Bei Mrusczok wurde der Wunsch, sich für den Erhalt der Orcas einzusetzen, schon lange vor ihrer ersten Begegnung mit den Tieren geweckt. Ausschlaggebend war auch bei ihr das Schicksal von Keiko alias „Free Willy“. Dass sie eines Tages tatsächlich mit wild lebenden Schwertwalen arbeiten würde, verdankt Mrusczok einer Reihe von Zufällen. Nach einem Auslandssemester in Kanada volontierte sie bei einer Organisation, die die kanadischen Orca-Bestände überwachte. Mrusczok trug sich für alle Schichten ein und lernte in einem halben Jahr alles über die Identifikation und Katalogisierung von Schwertwalen.

Als sie später nach Island kam, begann sie, die Wale bei ihren Touren zu fotografieren und die Bilder in einem Katalog zu sammeln. Anhand der Finnenform und des hellgrauen „Sattelflecks“ hinter der Rückenflosse lassen sich die einzelnen Tiere verhältnismäßig leicht voneinander unterscheiden. Schnell zeigte sich, dass nicht alle Orcas immer in isländischen Gewässern bleiben. Eine kleine Gruppe wandert regelmäßig zwischen Schottland und Island hin und her. Außerdem folgen einige Schwertwale den Heringsbeständen. So kommt es, dass Mrusczok in Westisland zwischen „Winter- und Sommer-Orcas“ unterscheidet: „Nach manchen von ihnen kann man fast die Uhr stellen.“

Nach zwei Jahren gab Mrusczok schon die zweite Version ihres Orca-Katalogs heraus. Da war das Projekt längst so groß geworden, dass sie gemeinsam mit drei anderen Walschützern „Orca Guardians“ gründete. Die Organisation baut den Bilder-Katalog weiter aus, bietet ein Adoptionsprogramm für einzelne Tiere an und erforscht die Familienbande und das Verhalten der isländischen Schwertwale.

Isländische Schwertwale sind keine Kostverächter

Inzwischen haben Mrusczok und ihre Kollegen mehr als fünfhundert Orcas vor Westisland identifiziert. Einige davon tauchen immer wieder in den gleichen Gruppen auf. Die Forscherin betreibt nur nichtinvasive Forschung und leitet ihr Wissen über diese sogenannten „Kerngruppen“ der Orcas ausschließlich von ihren Beobachtungen ab. Dabei kommt es Mrusczok gelegen, dass sie von April bis Mitte Oktober fast täglich mit Touristen auf dem Wasser ist und dabei weitere Daten sammeln kann.

Dank des Neumondes konnten sich die Schwertwale aus ihrer verzweifelten Lage befreien.

Zweihundert Kilometer südlich bereitet sich eine weitere Forscherin auf ihren nächsten Einsatz auf dem Wasser vor: Filipa Samarra leitet von Reykjavík aus das „Icelandic Orca Project“. Die Portugiesin war vor elf Jahren eine der ersten Wissenschaftlerinnen, die begannen, sich systematisch und für einen längeren Zeitraum mit den isländischen Orcas zu beschäftigen. Samarra führt in ihr kleines Büro im Gebäude des Marine and Freshwater Research Institute und entschuldigt sich für das Chaos. Hüfthoch stapeln sich Pappkartons mit Ausrüstung für das Gelände. Samarra zieht eine kleine Kapsel aus einer der Schachteln: „Die hier benutzen wir zum Beispiel, um Gewebeproben zu sammeln.“ Die Kapsel wird mit einer Harpune in der Walhaut und der oberen Schicht des Blubbers versenkt. So kann die Forscherin anschließend DNA-Analysen durchführen und anhand der Isotope, die sich im Gewebe angereichert haben, mehr über die Ernährung der Orcas herausfinden.

Anders als an anderen Orten der Welt, an denen sich einige Orcas entweder nur von Fisch oder nur von Säugetieren wie Robben ernähren, sind viele isländische Schwertwale keine Kostverächter und futtern abwechselnd beides. Für Samarra ist das wichtig, weil die Ernährung der Wale beispielsweise auch darüber bestimmt, wie die Tiere miteinander kommunizieren. „Wenn die Wale sich von Robben ernähren, sind sie meistens leise, weil ihre Beute gut hören kann“, sagt Samarra. „Fressen die Orcas hingegen Lachs oder andere schwerhörige Fischarten, machen sie Geräusche bei der Jagd.“

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