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Gentechnologie : Genetische Spurensicherung

  • -Aktualisiert am

DNA-Sequenzierung im forensischen Gebrauch Bild: ddp

Aus DNA-Spuren, die eine Person am Tatort hinterlassen hat, lässt sich zuweilen auch auf Körpermerkmale schließen. Doch das ist nicht immer einfach. Der deutsche Gesetzgeber hat zudem Nachforschungen auf die Feststellung der Identität von Personen eingeschränkt.

          Eine 57-jährige Frau wird niedergeschlagen und verletzt, der Inhalt ihres Geldbeutels geraubt - Unbekannte überfielen sie beim Putzen eines Vereinsheims im saarländischen Mettlach. So brutal diese im Mai verübte Straftat gewesen sein mag, auf den ersten Blick gehört sie nicht zu den spektakulärsten Verbrechen, mit denen sich die Polizei befassen muss. Und doch liefert sie wichtige Hinweise für einen mysteriösen Fall, in dem die Ermittler im Dunkeln tappen: In Mettlach wurde eine DNA-Spur entdeckt, die zu einer gesuchten Serientäterin gehört.

          Insgesamt 33 genetische Spuren hinterließ diese Unbekannte an weiteren Tatorten in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, in Frankreich und in Österreich. Berüchtigt ist sie seit dem 25. April 2007 als "Frau ohne Gesicht". Damals haben in Heilbronn mehrere Täter auf zwei Polizisten geschossen. Eine 22 Jahre alte Beamtin erhielt einen tödlichen Kopfschuss. Die später sichergestellten DNA-Spuren werden einer unbekannten Mörderin zugeschrieben, die 1993 in Idar-Oberstein eine Rentnerin und 2003 einen Senior in Freiburg getötet hatte - einem Phantom, das raubt, mordet und nun offenbar auch beim Überfall auf die Pächterin des Mettlacher Angelsportvereinsheims zugegen war.

          Acht definierte Bereiche

          Genetiker könnten anhand der entdeckten Blutspuren so einiges feststellen, zum Beispiel, ob die Gesuchte bei einer ihrer Taten möglicherweise schwanger war. Aber in Deutschland dürfen sie das nicht: Hierzulande muss sich die Analyse auf Bereiche des Erbmoleküls beschränken, die außer der Identität keine Informationen über einen Menschen liefern. "Dabei werden ausschließlich Regionen der DNA untersucht, die nicht für Erbeigenschaften verantwortlich sind", sagt Rechtsmediziner Peter Schneider von der Universität Köln.

          Acht definierte Bereiche aus den Zwischenräumen der Gene werden untersucht. "In diesen unterscheiden sich auch nah verwandte Personen", sagt Schneider. Diese Abschnitte liefern einen genetischen Fingerabdruck, der sich bei der Aufklärung schwerer Straftaten seit nunmehr zwanzig Jahren bei der Identifizierung von Tätern und Opfern bewährt. Ein solches Profil - gewonnen aus Haaren, Speichel, Blut, Knochen oder Sperma - lässt sich leicht mit anderen Proben vergleichen. "Die deutsche DNA-Analyse-Datei enthält mittlerweile rund 640 000 Datensätze - darunter die von 520 000 Personen und ungefähr 120 000 Spuren aus nicht aufgeklärten Straftaten", sagt Schneider.

          Beschränkungen des Gesetzgebers

          Die Datei kommt meistens dann zum Einsatz, wenn die Polizei bei ihren Ermittlungen noch keine konkreten Spuren hat. In Deutschland konnten mit Hilfe dieser Methode bereits über 550 Morde und über tausend Sexualdelikte aufgeklärt werden. Zum Beispiel der Tod des Modeschöpfers Rudolph Moshammer, den man am 14. Januar 2005, mit einem Kabel erdrosselt, in seinem Münchner Haus fand: Bereits einen Tag danach konnte die Polizei einen 25-jährigen Iraker festnehmen, der die Tat später gestand. Ein Jahr zuvor hatte er in zwei Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung und einem Sexualdelikt eine Speichelprobe abgegeben. Sein gespeichertes Erbgutprofil in der Datenbank des Bundeskriminalamtes überführte ihn prompt beim Vergleich mit den neuen Spuren. Erfolge wie in diesem Fall sorgten dafür, dass die Fahndungsmethode seit 2005 auch bei anderen Straftaten wie Raub oder Einbruch zum Einsatz kommt.

          Dass die DNA-Datensätze keine Informationen über das Äußere von Personen liefern, wird von manchen bedauert. Obwohl es eine Ausnahme gibt - ein äußerlich erkennbares Merkmal dürfen deutsche Rechtsmediziner anhand einer DNA-Spur ermitteln: das Geschlecht. Dabei könnten sie noch viel mehr herauslesen, jedoch ist das vom Gesetzgeber strikt untersagt, was zum Beispiel Peter Schneider nicht ganz nachvollziehen kann: "Wo ist der Unterschied zwischen einer schlechten Zeugenaussage bei Regen und schlechter Sicht und unseren statistisch abgesicherten Methoden?"

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