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Gentechnik : Die flottgemachten Bienen sind zum Ausschwärmen bereit

  • -Aktualisiert am

Wie unterscheidet man genmanipulierte Bienen von den natürlichen? Bild: dpa

In Washington wird die Freilassung gentechnisch veränderter Insekten geplant. Bienen, die Insektizide überleben, Mücken, die keine Malaria mehr übertragen können. Doch was wird aus der Biosicherheit?

          Insekten sind für die Genetik kein neues Betätigungsfeld. Im Jahre 1910 begann der Genetiker Thomas Hunt Morgan von der Columbia University damit, die Fruchtfliege Drosophila als Studienobjekt zu nutzen. Seither wurde kaum ein anderes Lebewesen genauer erforscht. Insekten als Betätigungsfeld für die anwendungsnahe Gentechnik sind dagegen recht neu - so neu, daß sich Juristen, Biologen und Forschungsstrategen in Washington mit der Frage befaßt haben, wie gut die Welt eigentlich auf Schwärme leistungsoptimierter Bienen und genveränderter Mücken vorbereitet wäre.

          Die Aufmerksamkeit von ökologisch motivierten Kritikern der Gentechnik hat sich bisher weitgehend auf Pflanzen und einige Säugetierarten beschränkt. Eine wachsende Gemeinde von Forschern arbeitet aber daran, auch Insekten und ihre darmbewohnenden Bakterien mit den Werkzeugen der Gentechnik zu bearbeiten, um sie anschließend freizusetzen. Beim Anbau gentechnisch veränderter Kulturpflanzen werden Anstrengungen unternommen, die Ausbreitung mittels Pollen möglichst gering zu halten. Beim Einsatz gentechnisch veränderter Insekten geht es in den meisten Fällen dagegen gerade um eine möglichst weiträumige Ausbreitung. Hier liegt ein bedeutender Unterschied.

          Resistent gegen Insektizide

          Die Motive für die gentechnische Veränderung von Insekten oder ihrer darmbewohnenden Bakterien sind sehr vielfältig. Auf Einladung der "Pew Initiative on Food and Biotechnology", einer amerikanischen Stiftung mit dem Ziel der Aufklärung über landwirtschaftsnahe Biotechnologie, gaben Fachleute in Washington einen Überblick über die unterschiedlichsten Projekte mit gentechnisch veränderten Insekten.

          In Japan und Amerika wird daran gearbeitet, die ökonomisch bedeutsame Honigbiene resistent gegen Insektizide zu machen. So soll vermieden werden, daß die Nützlinge, auf deren Hilfe bei der Bestäubung viele Pflanzen angewiesen sind, durch die Praktiken der industrialisierten Landwirtschaft Schaden nehmen. Das Erbgut der Seidenraupe wird mit dem Ziel bearbeitet, es zur preisgünstigen Herstellung von pharmazeutischen Wirkstoffen und anderen Proteinen zu nutzen, also in einer Art Insekten-Bioreaktor. Bei der Mehrzahl der Projekte geht es aber darum, die Übertragung von Krankheitserregern auf Menschen, Tiere oder Kulturpflanzen zu unterdrücken.

          Den Malaria-Überträger ausschalten

          Besondere Bedeutung hat die Mücke Anopheles, Überträgerin der Malaria, an der jährlich Millionen Menschen sterben. Anthony James von der University of California in Irvine ist dabei, das bislang freundliche Biotop, das Anopheles dem Malaria-Plasmodien geboten hat, gentechnisch in Feindesland zu verwandeln. Die Mücke soll Eiweiße und spezielle Giftstoffe produzieren, die Plasmodien an der Vermehrung hindern. Ihr Immunsystem soll darauf trainiert werden, die Erreger schon an der Eingangspforte, beim Eintritt in den Körper über den Stechrüssel, zu erkennen und zu zerstören. Zudem wird daran gedacht, aus dem Krankheitsvektor Anopheles einen Impfstoffvektor zu machen, indem man die zur Produktion der Immuneiweiße nötigen Gene einbaut.

          Auch an molekularbiologisch induzierter Sterilität der Männchen wird geforscht. Noch befinden sich die meisten Projekte in der Phase der Grundlagenforschung. Die Pew-Initiative geht aber davon aus, daß schon in drei bis fünf Jahren die ersten Großversuche anstehen. Trotz einiger Rückschläge bei der Entwicklung gentechnischer Moskitokontrolle wird ein "African Genetic Vector Control Network", an dem die Internationale Atomenergiebehörde beteiligt sein soll, zur Durchführung von Großversuchen vorbereitet, wie Bart Knols von der Atombehörde berichtet.

          Die Fragen reißen nicht ab

          Dies wirft eine Reihe von biologischen, juristischen und bioethischen Fragen auf. Alan Robinson, Entomologe bei der Atomenergiebehörde, spricht sich für einen graduellen Einstieg in die Freisetzung aus. Zunächst müßten Populationseffekte in geschlossenen Systemen und in Käfigen im Freiland untersucht werden. Fraglich sei, ob sich gentechnische Merkmale in Populationen halten könnten oder mangels Überlebensvorteil schnell verschwänden. Paul Thomson von der Michigan State University mahnt die Forscher, nicht dieselben Fehler zu machen wie bei der Diskussion um genveränderte Pflanzen. Die Bedürfnisse aller Betroffenen müßten in Betracht gezogen werden. Auch Marjorie Hoy von der University of Florida weist auf die Sensibilität der Öffentlichkeit hin. Noch sei Zeit, die Bestimmungen zur Biosicherheit sehr streng und im Zusammenspiel mit allen Interessengruppen zu gestalten. So könne man womöglich unliebsame Überraschungen vermeiden.

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