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Genom-Forschung : Auf Zeitreise in die Steinzeit

Der Anthropologe Svante Pääbo hat wichtiges Erbgut des Neandertalers entziffert Bild: Isabel Klett

Der Paläogenetiker Svante Pääbo erforscht, wie der Mensch zum Menschen wurde. Und wie viel Neandertal noch in uns steckt. Jetzt hat er seine Biographie geschrieben.

          „Nach ein paar Tagen war die Leber hart, schwarzbraun und trocken. Wie eine ägyptische Mumie.“ Svante Pääbo erinnert sich noch genau, wie er vor mehr als dreißig Jahren ein Stück Kalbsleber im Supermarkt gekauft und im Laborofen bei fünfzig Grad präpariert hat. Das Experiment war nicht Teil seiner Doktorarbeit, in der er die molekulare Funktionsweise des Immunsystems erforschen sollte. Er musste deshalb fürchten, dass der sich anfangs ausbreitende Gestank sein seltsames Tun verriet. Also weihte er seine Kollegen am Institut im schwedischen Uppsala vorsorglich ein, damit sie das faulende Fleisch nicht einfach entsorgten. Nur sein Professor erfuhr erst Jahre später davon, als eine prestigeträchtige Publikation in Nature das Geheimprojekt krönte.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Pääbo wollte damals im Sommer 1981 herausfinden, ob Erbmaterial nach dem Tod im Gewebe noch längere Zeit erhalten bleibt. Der 26-jährige Mediziner wollte damit sein romantisches Interesse am alten Ägypten mit seiner Liebe zur Molekularbiologie vereinen. Wenn es tatsächlich gelang, aus der gebackenen Leber noch DNA-Fragmente zu extrahieren – wie sah es dann wohl mit jahrtausendealten Mumien aus? Damit machte er weiter.

          Sex in der Steinzeit

          Im Bücherregal seines Büros am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig erinnern heute ein paar Bildbände an Pääbos alte Leidenschaft. Ramses II. weilt im obersten Fach, während das lebensgroße Modell eines Neandertalerskeletts neben dem Schreibtisch signalisiert, dass der Paläogenetiker sich inzwischen ganz anderen Fragestellungen widmet. Jetzt geht es um Sex in der Steinzeit und um Verwandtschaftsverhältnisse. Eine grobe Skizze auf der Wandtafel deutet es an: ein Stammbaum, der Neandertaler, „Denisovans“ und moderne Menschen ins Verhältnis setzt. Wir Nachkommen bilden die Schwestergruppe der beiden anderen.

          Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen dem Neandertaler und den heute lebenden Menschen?

          Pääbo und seinem Team ist es gelungen, das Neandertaler-Genom zu entziffern und darüber hinaus ausgestorbene Verwandte in Asien aufzuspüren, von denen er als Denisovaner spricht. Deren Fundstätte im Altai-Gebirge berührt ihn auf besondere Weise: „Weil dort einmal alle lebten: Neandertaler, Denisovaner und moderne Menschen. Auf mich wirkt die Höhle wie eine Kathedrale“, erklärt Pääbo beim Milchkaffee, den er gern mit Zimt trinkt. Fast ein Vierteljahrhundert lang lebt er nun schon in Deutschland, doch sein Deutsch folgt immer noch einem schwedischen Rhythmus, auch ein „nej“ oder „yes“ mischt er hin und wieder unter.

          Pääbo ist einer der Gründungsdirektoren des seit 1997 bestehenden Leipziger Max-Planck-Instituts, an dem mittlerweile rund 450 Mitarbeiter beschäftigt sind. Dass es hier eine Kletterwand gibt, geht auf ihn zurück, da er gerne klettert, wandert und joggt. Seine Forschungsgruppe deckt frühe Kapitel der Menschheitsgeschichte auf: Aus archäologischen Funden wird DNA gewonnen, die unter anderem klären soll, was uns zu Menschen macht und als einzige Vertreter der Gattung Homo überleben ließ. Das fremde Erbe schleppen wir immer noch mit uns herum. Menschen außerhalb Afrikas tragen Genabschnitte des Neandertalers in sich, wenige zwar, doch genug, um zu belegen, dass sich unsere Vorfahren einst mit diesen fernen Verwandten paarten und dabei Nachwuchs zeugten. In manchen Regionen auch mit Denisovanern, wie die Arbeiten von Pääbo und seinem Team zeigen, dem es kürzlich gelungen ist, sogar vierhunderttausend Jahre alten menschlichen Gebeinen Erbinformationen zu entlocken. Jetzt will man sich an noch ältere Funde wagen, bis zur Millionengrenze. Ein Vorhaben, das fast so ehrgeizig klingt wie eine Reise zum Mars und charakteristisch ist für unsere Spezies, die immer weiter will, ohne genau zu wissen, wohin das führt.

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