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Genetik : Und der Herr warf Hirn

  • -Aktualisiert am

Liegt der Schlüssel zur Entstehung der Kultur in der Hirngenetik? Bild: AP

Wurde die Menschheit erst vor Jahrtausenden durch Mutation schlau? Solch ein Befund wäre ziemlich heikel - denn nicht alle der heute lebenden Menschen besitzen die entsprechende Genvariante.

          5 Min.

          Der Mensch entstand durch Evolution. Aber wann war dieser Prozeß abgeschlossen? Gar nicht, glaubt ein Forscherteam um Bruce Lahn von der University of Chicago. In zwei Veröffentlichungen in der aktuellen Ausgabe von Science behaupten sie, die Fortentwicklung unseres Großhirns laufe weiterhin auf Hochtouren.

          Dabei stützen sie sich auf Untersuchungen an zwei bestimmten Chromosomenabschnitten. Diese regulieren nach Lahns Ansicht das Wachstum unseres Großhirns und haben sich den Berechnungen der Forscher zufolge erst ausgebreitet, lange nachdem Homo sapiens vor rund 200.000 Jahren in Erscheinung trat.

          Zwei evolutionäre Innovationen

          Die zuerst entstandene Genvariante ändert einen Baustein in einem Gen mit dem Namen „Microcephalin“. Lahn glaubt fest daran, der Zufall habe das Microcephalin-Protein verbessert - am wahrscheinlichsten vor rund 37.000 Jahren, just zu einer Zeit, als der moderne Mensch seinen Kunstsinn entdeckte und beispielsweise Skulpturen wie den Löwenmenschen von der Schwäbischen Alb schuf. Irgendwie muß die neue Genvariante ihren Trägern mehr Nachkommen als anderen Artgenossen beschert haben. Denn heute findet sie sich im Erbgut von rund 70 Prozent aller bisher untersuchten Menschen.

          Die zweite evolutionäre Innovation, der sich Lahn auf der Spur glaubt, folgt einem verwandten Muster. Vor ungefähr 5800 Jahren soll im sogenannten ASPM-Gen eine verbesserte Variante aufgetaucht sein. Auch hier ist es verlockend zu spekulieren, warum die günstige Genvariante sich gerade dann mit hohem Tempo verbreitete, als der Mensch die Schrift entwickelte und Technologien wie den Metallguß oder das Rad erfand.

          Häufigkeitsverteilung nicht politisch korrekt

          So weit, so provokant. Irritierend an den Befunden ist aber etwas anderes: Die Häufigkeitsverteilung der ASPM-Variante erweist sich in heute lebenden Ethnien als politisch nicht sonderlich korrekt: Der „Haplotyp D“ genannte Chromosomenabschnitt findet sich zwar in rund 50 Prozent der untersuchten Blutproben europäischer Völker, darunter Basken, Franzosen, Sardinier, aber auch bei Palästinensern und Drusen in Israel sowie bei asiatischen Völkern. Den Bantu in Südafrika dagegen sowie den San in Namibia fehlt der Haplotyp D komplett - zumindest in den wenigen bisher untersuchten Stichproben. Abwesend oder sehr selten ist die Variante auch bei fast allen Ureinwohnern Amerikas. Nur in Papua Neuguinea zeigt sie sich weit verbreitet, sie findet sich dort mit fast 60 Prozent sogar häufiger als in Europa.

          Nach Berechnungen von Bruce Lahn und seinen Kollegen läßt sich das Muster der globalen Verteilung dieser ASPM-Variante weder durch Völkerwanderungen noch durch zufällige Ereignisse erklären. Deswegen vermuten sie natürliche Selektion am Werk. Die genetische Innovation dürfte erst außerhalb Afrikas entstanden sein - oder in einer kleinen Gründerpopulation, die sie vom Schwarzen Kontinent in alle Welt trug.

          Genetische Grundlage der Zivilisation?

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