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Genetik : Obamas Rassengesetz

Das perfekte Paar in der Ballnacht nach der Inauguration Bild: AP

Als der neue amerikanische Präsident noch Senator war, hat er einen Gesetzentwurf geschrieben, der die Genforschung regeln und den veralteten biologischen Rassebegriff gleich mit abschaffen sollte. Der Entwurf liegt im Kongress, die mutigen Passagen sind entfernt.

          Der erste schwarze Präsident im Weißen Haus ist eigentlich gar nicht so schwarz, oder? Seine Frau Michelle, gut, aber Barack Obama? Schimmert da zwischen den Pigmenten nicht der helle Grundton seiner Mutter durch, einer Weißen aus Wichita? Gleich wie, Rasse spielt keine Rolle. Nicht mehr jedenfalls, skandierten vor ein paar Wochen noch Obamas Anhänger, und Obama selbst hatte das Thema auf einer seiner Wahlauftaktreden in New York mit den Worten quittiert: Lassen wir diese umstrittene Geschichte hinter uns.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Hinter uns bringen, meinte er gewiss, nicht etwa aussitzen. Denn dass er ernsthafte Ambitionen hegt, die virulente Rassenfrage endlich aus der Welt zu schaffen, die biologische Kategorie Rasse ebenso wie die alltägliche soziopolitische Schichtung nach Hautfarbe und Herkunft, dieser Wille war schon zu erkennen, als Senator Obama noch krasser Außenseiter für das Präsidentenamt war. Und um ein Haar wäre er damals bereits, vor drei Jahren, zum doppelten Helden geworden - zum Helden der Antirassisten und der Genomforscher.

          In „Bill S3822“ ist Rasse gestrichen

          Senator Obama hatte den Gesetzesantrag S. 3822 eingebracht mit dem Titel "Genomics and Personalized Medicine Act" - Gesetz zur Regelung der Genomforschung und der personalisierten Medizin. Darin war neben der Hoheitsaufgabe einer diskriminierungsfreien Genmedizin gleich auch die Auflösung des biologischen Irrtums Menschenrasse vorgesehen. Wer sich fragt, wieso ein vor kurzem noch quasi unbekannter Politiker heute so viel Vertrauen bei Wissenschaftlern genießt, hier findet er triftige Antworten. Obama hat die Humangenomforschung beim Wort genommen. Je mehr sich diese nämlich den Rassebegriff vornahm, desto bedeutungsloser ist er als biologische Kategorie geworden.

          Mittlerweile sind die genetischen Sachverhalte erdrückend. In der Medizin jedoch haben sich, weil zahlreiche Erbanlagen gehäuft - aber bei weitem nicht "reinrassig" - in bestimmten Ethnien vorkommen, Rassen und Ethnien als "bequeme Kategorie" erhalten, wie zwei Bioethiker aus Stanford in "Science" monierten. Die ungleiche Behandlung nach Hautfarbe ist in amerikanischen Kliniken genauso bleibende Realität wie die wissenschaftliche Praxis: Nach der Zulassung der ersten Herzpille ("BiDil") für "selbstbekennende Schwarze" werden den Registern der amerikanischen Pharmahersteller zufolge gut siebenhundert Arzneien speziell für Afroamerikaner entwickelt. Derweil wird Senator Obamas Gesetzentwurf zur Genomforschung wird nun als Bill S.976 im Kongress beraten. Das Kapitel über Rasse und Ethnien hat er daraus vollständig getilgt, die begriffe tauchen nicht einmal auf. Stattdessen sollen die medizinischen Rassefragen nun in dem Gesetz S. 1576 zur Gleichbehandlung von Minoritäten (Minority Health Improvement and Health Disparity Elimination Act“) geregelt werden. Darin freilich lebt der überkommene Rassebegriff leider ungerührt fort.

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