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Genetik : Lauter kleine Geheimnisse rund um die Schizophrenie

  • -Aktualisiert am

Neurogranin und TCE 4

Die europäische Forschungsgruppe fand heraus, dass Varianten des Gens Neurogranin auf dem Chromosom 11 und des Gens TCF 4 auf Chromosom 18 bei schizophrenen Patienten deutlich häufiger zu finden sind als bei Gesunden. Neurogranin ist unter anderem dafür verantwortlich, dass Verbindungen zwischen Nervenzellen neu hergestellt werden, es spielt beim Lernen und der Gedächtnisbildung eine maßgebliche Rolle. Zudem ist es daran beteiligt, die Aktivität eines bestimmten Rezeptors - den NMDA-Rezeptor - im Gehirn zu regulieren.

Eine Variation in diesem Gen könnte einen ähnlichen Effekt haben wie die Straßendroge PCP, die unter dem Decknamen "Angel dust" bekannt ist. Von ihr weiß man, dass sie den NMDA-Rezeptor blockiert. Die von den Konsumenten gewünschte Wirkung äußert sich nicht selten mit Symptomen, die von einem akuten Schub der Schizophrenie häufig kaum zu unterscheiden sind - zum Beispiel in Wahnvorstellungen oder Halluzinationen. Das Gen TCF 4 seinerseits spielt bei der Gehirnentwicklung eine Rolle.

Die Ergebnisse könnten somit Anhaltspunkte liefern, warum bei Schizophrenen die Lernleistungen beeinträchtigt sein können, das Erinnerungsvermögen geringer ausgeprägt ist oder warum es zu Wahnvorstellungen kommt. Wer Träger der entsprechenden Genvarianten ist, muss deshalb aber noch lange nicht schizophren werden. "Aussagen über das Erkrankungsrisiko sind auf Basis dieser Ergebnisse vollkommen unzulässig, da die einzelnen Effekte dieser häufigen Varianten viel zu gering sind", sagte Marcella Rietschel vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit.

Summierung über die Varianten ist statistisch signifikant

Die Forschungsgruppe des Internationalen Schizophrenie-Konsortiums um Shaun M. Purcell vom Broad Institute in Cambridge identifizierte insgesamt Tausende von verbreitet vorkommenden Genvarianten. In einer Stichprobe konnten die Genetiker zeigen, dass sich die Schizophrenen von den Gesunden deutlich abgrenzen ließen, wenn sie sämtliche Varianten mit sehr kleinem Effekt gebündelt betrachteten.

Welche der Varianten allerdings den Unterschied ausmachten, blieb offen. Die Forscher stellten fest, dass sich dieses "Bündel" auch bei Patienten mit bipolarer Störung, bekannt auch als "manisch-depressive Erkrankung", findet. "Das Ergebnis weist auf eine genetische Überlappung der schweren psychischen Störungen der Schizophrenie und der bipolaren Störung hin", sagt Rietschel.

Schätzungsweise ein Drittel des genetischen Anteils aufgeklärt

Nach den Berechnungen der Forscher ist damit rund ein Drittel des erblichen Anteils der Schizophrenie aufgeklärt. Mit den genomweiten Assoziationsstudien lassen sich bisher nur die häufigen Varianten des menschlichen Genoms analysieren. Seltene Faktoren sind nicht dingfest zu machen.

Bis zur vollständigen Entschlüsselung der genetischen Ursachen oder gar der Umweltfaktoren ist es noch ein weiter Weg. Manche mögen die neuen Befunde deshalb gar nicht als Fortschritt erkennen. Markus Nöthen von der Universität Bonn ist dennoch zufrieden: "Jedes Ergebnis aus der Genetik bringt uns näher an die Ursache des Phänomens. Und das ist besonders motivierend, wenn man die biologischen Grundlagen von Krankheiten verstehen möchte." Inka Wahl

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