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Genetik : Auf dem Weg zu einer Eugenik von unten?

  • -Aktualisiert am

Entnahme von Zellen zur Präimplantationsdiagnostik Bild: dpa

Die Mitarbeit an staatlichen eugenischen Programmen ist ein dunkles Kapitel der Genetik. Auf ihrem Weltkongress nahmen die Genetiker dazu in einer Erklärung Stellung. Aber auch die neuen therapeutischen Perspektiven stellen vor moralische Fragen.

          Alle fünf Jahre versammelt sich die Elite der Genforscher zu einem internationalen Kongreß, der diesmal auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Genetik in Berlin stattfand. Referate zu nahezu allen Aspekten des Fachs, dazu Vorlesungen von gleich mehreren Nobelpreisträgern verliehen der Veranstaltung den Charakter eines wissenschaftlichen Gipfeltreffens.

          Verglichen mit diesem Anspruch und Andrang zog eine Veranstaltung am Rande des wissenschaftlichen Programms nur mäßiges Interesse auf sich. Dabei stand immerhin die Geschichte und das Selbstverständnis der Disziplin zur Diskussion. Am Montag gab die Deutsche Gesellschaft für Genetik eine Stellungnahme zum "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" ab, und konfrontierte nicht nur deutsche Forscher mit der dunklen Vergangenheit ihres Fachs. Am 14. Juli, auf den Tag vor 75 Jahren, erließ das NS-Regime ein Gesetz, das die Zwangssterilisierung von Menschen anordnete, die unter Erbkrankheiten litten, zu denen in absichtsvoll unscharfer Begrifflichkeit "angeborener Schwachsinn, Schizophrenie und schwerer Alkoholismus" gezählt wurden. Das Motiv, neben schweren Erkrankungen auch die "asozialen Teile des Volkskörpers" zu eliminieren, scheint in der medizinisch verbrämten Diktion unverhohlen durch.

          Eugenische Phantasien

          Vierhunderttausend Menschen wurden zwangssterilisiert, mehrere Tausend verloren durch die Operationen ihr Leben. Das Gesetz und die Einrichtung der für die Durchsetzung verantwortlichen Erbgesundheitsgerichte sind ebenso sehr ein Zeugnis menschenverachtender Politik wie ein Dokument wissenschaftlichen Versagens. Eugenik, als Versuch die menschlichen Erbanlagen zu verbessern, war zunächst ein Teilbereich der Anthropologie und entwickelte sich am Anfang des 20.Jahrhunderts zu einer starken gesellschaftlichen Strömung.

          So wurden auch in den Vereinigten Staaten zahlreiche Eugenik-Programme beschlossen: 1907 verabschiedete Indiana ein Gesetz zur Zwangssterilisierung von Psychiatriepatienten und Gefängnisinsassen, 28 weitere Bundesstaaten folgten dem Beispiel. In Deutschland ging die Eugenik schon vor 1933 eine systematische Verbindung mit dem Rassenwahn ein, etwa im Werk des Biologen Fritz Lenz, der seit 1923 den ersten Lehrstuhl für Rassenhygiene in München hielt. 1921 verfasste er mit Eugen Fischer und Erwin Baur den "Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene", dessen Thesen Hitler in "Mein Kampf" einarbeitete.

          Widerlegbar schon damals

          Die Idee, nach der die erblichen Merkmale einer Bevölkerung durch gezielte Eingriffe steuerbar sind, war wissenschaftlich allerdings schon damals widerlegbar. Denn rezessive Krankheitsanlagen, die nicht zum Ausbruch einer Erkrankung führen müssen, sind viel zu weit verbreitet, als dass sie durch eugenische Eingriffe ausgeschaltet werden könnten. Gerade vor diesem Hintergrund war die Berliner Erklärung aber mehr als eine Form wissenschaftlicher Vergangenheitsbewältigung, denn die Debatte hat unterschwellig die aktuelle Genetik und ihre therapeutischen Angebote eingeholt.

          Forscher wie Wolfram Henn, der an der Universität des Saarlandes lehrt und federführend an der Erklärung mitwirkte, diagnostizieren eine problematische Entwicklung, die ausgehend von den vielversprechenden Möglichkeiten der Individualdiagnostik in eine "Eugenik von unten" mündet. Dabei stehen weder ein totalitärer Staat noch irgendwelche verbohrten Ärzte hinter dem Interesse an verfeinerten eugenischen Verfahren, die mit der kruden rassistischen Lehre von 1933 nichts mehr gemein haben. Es sind vielmehr die medizintechnisch fortgeschrittenen Gesellschaften des Westens, in denen genetisches Wissen die Einzelnen mit Optimierungsoptionen für sich selbst und ihren Nachwuchs ausstattet.

          Optimierung von Körper, Geist und Lebenslauf

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