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Bislang größte Gen-Studie : Die Kartierung der Schizophrenie

  • -Aktualisiert am

Die Studie ergab außerdem deutliche Hinweise auf Gene, die in die glutamaterge Neurotransmission involviert sind, also in die nervale Übertragung mit dem Botenstoff Glutamat. Auch die synaptische Plastizität wird von Genen an den aufgefundenen Genorten mitgesteuert. „Von den betreffenden Genen werden Gerüststrukturen für Synapsen beeinflusst“, verdeutlicht Ripke – etwa Dendrite und Axone, die langgestreckten Ausläufer von Nervenzellen. Zudem sind offenbar Gene betroffen, die für Untereinheiten von Kalziumkanälen kodieren. Auch ein altes „Gerücht“ bekommt durch die Studie in „Nature“ neue Nahrung: „Man hat schon zuvor aufgrund epidemiologischer Studien Zusammenhänge zwischen Autoimmunerkrankungen und Schizophrenie vermutet“, sagt Ripke. „Es scheint so, als ob wir das jetzt bestätigen. Gene, die auf bestimmte Bereiche des Immunsystems Einfluss nehmen, kommen überdurchschnittlich häufig in den 108 Gen-Loci vor.“ Insbesondere bestimmte B-Zell-Linien scheinen betroffen zu sein.

Keine Vorhersagen möglich

Stephan Ripke, der gerade nach Berlin zurückgekehrt ist und nun von hier sowohl für das Broad Institute als auch für die Klinik für Psychiatrie der Charité forscht, hofft, dass die Studie der psychiatrischen Arzneimittelforschung entscheidende Impulse geben wird. „Wir wussten bisher einige wenige Dinge über die Biologie der Schizophrenie, weil bekannt war, wie die durch Zufall gefundenen Medikamente wirken, die bereits mehr als fünfzig Jahre alt sind. Unsere große Hoffnung ist jetzt, dass man durch den Umweg der Genetik auch die Forschung und Entwicklung im Hinblick auf Medikamente wieder anstoßen kann.“ Von einer Vorhersage der Erkrankungswahrscheinlichkeit anhand der Genetik einzelner Personen sei man aber noch weit entfernt.

Aber dafür ruhen weitere Hoffnungen auf den neuen Daten. „Die klinische Symptomatik von Schizophrenie-Patienten ist heterogen und bunt“, sagt Mitautor Markus Nöthen, der Direktor des Instituts für Humangenetik der Universität Bonn. „Das deutet darauf hin, dass die Gruppe ätiologisch unterschiedlich ist.“ In Zukunft könne man bestimmte Subgruppen von Patienten analysieren und genetische Zuordnungen treffen.

Halluzinationen, Wahn, Denkstörungen

Dabei sei es zum Beispiel denkbar, Schizophrenie-Patienten mit frühem und spätem Krankheitsbeginn auf ihre unterschiedliche Genetik hin zu untersuchen. Man könnte auch Korrelate im Genom für eine starke paranoide Symptomatik oder für den sogenannten „katatonen“ Verlauf suchen, bei dem die Betroffenen in Starre versinken. Schizophrenie beginnt meist im frühen Erwachsenenalter und kann zum einen durch Halluzinationen und Denkstörungen gekennzeichnet sein, aber auch durch sogenannte „Negativsymptome“, also Rückzugsverhalten und Depressivität.

Testformular zur Psychose-Früherkennung in einer psychiatrischen Ambulanz

Nöthen steuerte über den von ihm koordinierten Forschungsverbund rund viertausend Datensätze für die Studie bei, die er schon Mitte der neunziger Jahre gemeinsam mit Marcella Rietschel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim zu sammeln begonnen hatte. Schon damals wurden die Patienten auch aufwändig klinisch charakterisiert, eine Ressource, die in kommenden Studien, wenn es etwa um Subgruppen geht, sehr wichtig werden kann. Für Marcella Rietschel, ebenfalls unter den deutschen Autoren, ist neben diesen Aspekten zunächst einmal ein weiterer entscheidend: „Die Studie zeigt ganz deutlich, dass psychiatrische Störungen einen somatischen Ursprung haben – was nicht heißt, dass die Umwelt keine Rolle spielt.“

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