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Gehirndoping : Stoff fürs Hirn

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Immer mehr gesunde Menschen greifen zu leistungssteigernden Pillen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Immer häufiger greifen gesunde Menschen zu leistungssteigernden Pillen, die eigentlich zur Behandlung von Krankheiten gedacht sind. Über die langfristigen Folgen wird kaum nachgedacht. Muss man sich auf eine Denkdrogen-Zukunft vorbereiten?

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          Leandro Panizzon war ein glücklicher Mann. Er musste nicht in den Krieg. Er hatte einen guten Job bei einem Schweizer Pharmaunternehmen. Er liebte seine bezaubernde Gattin, die er Rita nannte. Und er kochte sich 1944 im Labor eine Substanz zusammen, die alles noch viel besser machte. Panizzon nannte den Stoff Ritalin, nach seiner Frau. Denn wenn Rita und er ihn schluckten, so berichtete er später, konnten sie beide viel konzentrierter und fokussierter Tennis spielen als ohne.

          Ob das mit dem Tennis nur wörtlich oder auch als Metapher für andere gemeinsame Aktivitäten gemeint war, ist nicht mehr eindeutig feststellbar. Ritalin allerdings ist heute, etwa 50 Jahre nachdem es auf den Markt kam, eines der weltweit umsatzstärksten Medikamente. Wegen bekannter und erwarteter Nebenwirkungen ist es allerdings umstritten, in Deutschland unterliegt die Substanz, die in den Vereinigten Staaten Millionen Kindern gegen Hyperaktivität verschrieben wird, gar dem Betäubungsmittelgesetz. Doch auch Erwachsenen wird das Medikament verordnet. Und viele besorgen es sich auf anderen Wegen - und für einen anderen Zweck: Es hilft angeblich, sich zu konzentrieren, fokussierter zu lernen oder auch Examen abzulegen. Deshalb ist es neben ein paar anderen Substanzen zu einer der am weitesten verbreiteten Campus- und Manager-Drogen geworden.

          Die Hirnleistung steigern für den Konkurrenzkampf

          Doch können diese Medikamente, die eigentlich zur Behandlung mentaler Leiden entwickelt wurden und werden, tatsächlich auch die geistigen Leistungen jener verbessern, die als mental gesund gelten? Umfragen von Fachzeitschriften und unzählige Blogs und Internetforen bestätigen jedenfalls: In jüngster Zeit werfen sich immer mehr Studenten, Wissenschaftler und Manager Pillen zu diesem Zwecke ein. Neben Ritalin sind etwa in Amerika Amphetaminpräparate wie Adderall weit verbreitet. Modafinil, zugelassen zur Behandlung der Schlafsucht (Narkolepsie), ist eine andere solche Substanz. Im Silicon Valley wurde das Modafinilpräparat Provigil von einem populären Blog jüngst zur „Unternehmerdroge der Wahl“ ausgerufen. Die Substanz wirkt ähnlich wie ein Amphetamin. An sie ist auch in Deutschland besser heranzukommen, weil sie seit Anfang dieses Jahres nicht mehr den Regeln des Betäubungsmittelgesetzes unterliegt.

          Medikamente, die nicht nur bei Hyperaktivität, krankhafter Schlafsucht und Alzheimer, sondern auch bei der breiten gesunden Masse Hirnfunktionen verbessern könnten, gelten als einer der letzten ungehobenen Goldschätze der Pharmabranche. Die unaufhaltsam ergrauenden geburtenstarken Jahrgänge verlangen danach ebenso wie eine junge Generation, die um die besten Jobs konkurriert - oder das amerikanische Militär, das ganz offiziell und hochdotiert nach Medikamenten für die geistige Fitness seiner alternden Soldaten suchen lässt. Pharmaunternehmen mit Expertise oder gar schon fertigen Produkten auf diesem Gebiet widerstehen sogar der derzeitigen Abwärtsspirale an den Aktienmärkten. Anteile des Modafinilherstellers Cephalon etwa kosten heute sogar mehr als vor einem halben Jahr.

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