https://www.faz.net/-gwz-81ecc

Hirnforschung, was kannst du? : Schlaf kann ein Neuanfang sein

  • -Aktualisiert am

Initialer Speicher

Die Bildung von Langzeitgedächtnis ist ein dynamischer, zweistufiger Prozess, in dessen Verlauf sich die zentralnervösen Repräsentationen der erlernten Inhalte qualitativ verändern. Am Ende eines Tages verfügen wir über eine Sammlung recht genauer Erinnerungen daran, was wir wann und wo gemacht und erlebt haben; selbst belanglose Details wie die schlecht sitzende Krawatte eines Gesprächspartners oder eine kaputte Verkehrsampel auf dem Heimweg stehen uns noch klar vor Augen. Solcherlei Erlebnisse werden zunächst in einem „initialen“ Speicher enkodiert, der die Informationen extrem schnell aufnimmt, so dass bereits eine einmalige Reizdarbietung eine genaue Repräsentation induzieren kann. Das neuroanatomische Korrelat dieses initialen Speichers sind der Hippocampus und umliegende Regionen des Schläfenlappens. Doch nicht alle initial gespeicherten Episoden können in den Langzeitspeicher überführt werden, da dies die vermutlich begrenzte Speicherkapazität unseres Gehirns überfordern würde, auch wenn die entsprechenden Hirnareale, insbesondere die Hirnrinde und das Striatum, ungemein umfangreiche neuronale Netzwerke darstellen. So findet während der Gedächtniskonsolidierung ein Selektionsprozess statt, an dessen Ende nur die relevantesten Informationen, die Quintessenz („gist“) der Erlebnisse, im langfristigen Speicher zurückbleiben. Wie dieser Selektionsvorgang genau abläuft, wird gegenwärtig erforscht. Wir wissen bereits, dass der Konsolidierungsprozess die Repräsentationen so reorganisiert, dass relevante und emotionale Aspekte sowie Regelhaftigkeiten der erlebten Episoden dauerhaft in den Langzeitspeicher überführt werden, während gleichzeitig Detail- und Kontextinformationen verloren gehen. Nach einer Unterrichtsstunde über Südamerika werden Einzelheiten wie die rote Bluse der Erdkundelehrerin oder der Regenschauer, der sich vor dem Klassenzimmer ergoss, relativ schnell vergessen, doch die Assoziation von Santiago mit Chile und Lima mit Peru bleibt (zumindest beim wissbegierigen, zielorientierten Schüler) länger haften: Episodische Inhalte verwandeln sich in „dekontextualisiertes“, semantisches Wissen. Ähnlich verhält es sich beim Erlernen motorischer Fertigkeiten. Besteht anfänglich noch eine detaillierte Erinnerung an die spezifischen Umstände einer Skistunde, an den feschen Lehrer, die steile Piste, das klare Wetter, lösen sich bei der Bildung des Langzeitgedächtnisses trainingsrelevante Aspekte, etwa „Tal-Ski belasten“, heraus und verankern sich als prozedurales Wissen langfristig im Gedächtnis.

Weitere Themen

Fördert schlechte Luft psychische Erkrankungen?

Smog und Psyche : Fördert schlechte Luft psychische Erkrankungen?

Smog hat offenbar einen stärkeren Einfluss auf die Psyche als gedacht und verursacht psychische und neurologische Erkrankungen. Das zeigt eine amerikanische Studie, die Gesundheitsdaten aus den Vereinigten Staaten und Dänemark ausgewertet hat. Doch es gibt Zweifel an den Ergebnissen.

Topmeldungen

Unser Sprinter-Autor: Bastian Benrath

F.A.Z.-Sprinter : Dunkle Wolken am Sommerhimmel

In Sachsen beginnt der Prozess im Mordfall Daniel H., und in Paris möchte Boris Johnson weiter Zugeständnisse beim Brexit-Abkommen erwirken. Wie sie dennoch zu einem lockeren Sommertag kommen, steht im F.A.Z.-Sprinter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.