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Fortpflanzungsmedizin : Es geht auch ohne Sex

  • -Aktualisiert am

Ergebnis: allem Anschein nach putzmuntere Tiere Bild: Katsuhiko Hayashi PhD

Zellen lassen sich umprogrammieren. Sogar zu Ei- und Samenzellen. Das öffnet ganz neue Perspektiven.

          7 Min.

          Vergangene Woche hat sich mal wieder die Stammzellforschung zu Wort gemeldet. Man ist daran gewöhnt, allein die Sonntagszeitung hat seit der Jahrtausendwende an die dreihundertmal über Stammzellen berichtet, also im Durchschnitt alle drei Wochen.

          So war die Aufregung nicht allzu groß, als ein Team der japanischen Kyushu-Universität unter Leitung von Katsuhiko Hayashi verkündete, sie hätten es erstmals geschafft, den kompletten Reifungsprozess von Eizellen der Maus im Labor nachzuvollziehen. Die Eier seien anschließend befruchtet, in Leihmütter verpflanzt und ausgetragen worden. Elf gesunde Mäuse hätten das Licht der Welt erblickt und ihrerseits schon für gesunden Nachwuchs gesorgt. Der New York Times, sonst immer vornedran, war das nicht mal eine Nachricht wert.

          Man kann mehr als achtzig Jahre zurückgehen, um auf eine ähnliche Erfolgsmeldung zu stoßen. 1934 erschien in den Proceedings of the National Academy of Sciences eine Arbeit des amerikanischen Biologen Gregory Goodwin Pincus, in der er berichtete, dass es ihm gelungen sei, Eizellen von Kaninchen in der Petrischale reifen zu lassen. Zwei Jahre später behauptete er sogar, ihm sei eine Parthenogenese gelungen, also eine Jungfernzeugung ohne jeden männlichen Beitrag.

          Pincus und sein Kaninchen brachten es auf die Titelseite der Publikumszeitschrift Look, allerdings konnte niemand seinen Versuch wiederholen, er ging als märchenhafte „Pincogenese“ in die weniger rühmlichen Annalen der Fortpflanzungsmedizin ein. Seiner weiteren Karriere hat das nur unwesentlich geschadet: Pincus gilt heute als Miterfinder der ersten Antibabypille.

          Science-Fiction-Fans kennen das schon

          Für Literaturfreunde ist die jüngste Kunde aus Japan ebenfalls keine Überraschung. Aldous Huxley hat in seinem 1932 erschienenen Roman „Schöne neue Welt“ eine „Lähmann-Methode“ (im Original: „Podsnap’s Technique“) beschrieben, mit deren Hilfe sich der Reifungsprozess von Eizellen ungeheuer beschleunigen lässt. Binnen zweier Jahre kann man bei Huxley mit hundertfünfzig reifen Eiern rechnen, die man anschließend nur noch „bokanowskysieren“ vulgo klonen muss. Der Rekord liegt bei sechzehntausend Dutzendlingen. Nicht ganz so effektiv ist die Methode, die Katsuhiko Hayashi und seine Kollegen entwickelt haben. Aus dreitausend Eizellen haben sie dreihundert Embryonen und letztlich jene elf Mäuse gewonnen. Für den Menschen scheint das Verfahren auf den ersten Blick also nicht in Frage zu kommen. Menschliche Eizellen sind ein rares Gut, ein derart verschwenderischer Umgang mit menschlichen Embryonen ist in keiner zivilisierten Gesellschaft denkbar.

          Nachwuchs auf Japanisch: Bindegewebszellen entwickeln sich zu reifen Eizellen (Mitte), die befruchtet und von Leihmüttern ausgetragen werden. Rechts ein Neugeborenes nebst Plazenta

          Oder etwa doch? Denn genau darin besteht der entscheidende Unterschied der Hayashi-Methode zur herkömmlichen Gewinnung von Eizellen: Sie stammen nicht aus weiblichen Eierstöcken, wo sie bereits vor der Geburt angelegt werden und ihre endgültige Reifung von der Pubertät bis zur Menopause durchlaufen. Sondern sie sind aus ganz normalen Hautzellen hervorgegangen. Genauer gesagt: aus Bindegewebe, das von der Schwanzspitze junger Mäuse entnommen und in sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen verwandelt wurde, aus denen dann wiederum Eizellen gezüchtet wurden. Auf ähnliche Weise wurden auch schon Samenzellen gewonnen. Zwar hat es an männlichem Samen, der auf natürlichem Wege entstanden ist, den Reproduktionsmedizinern selten gemangelt. Aber die künstliche Methode hat Konsequenzen, die weit über die natürlichen Möglichkeiten hinausgehen.

          Lassen wir die methodischen Feinheiten einmal beiseite. Desgleichen die Frage, ob das, was bei der Maus funktioniert, auch beim Menschen möglich sein wird. Wie lange es dauern könnte, kann man ohnehin schlecht sagen. Von den Pincusschen Kaninchen bis zum ersten Retortenkind Louise Brown hat es fast vierzig Jahre gedauert, von den ersten induzierten Stammzellen 2006 bis zu den jetzt vorgestellten künstlichen Eizellen nur noch zehn Jahre. Sicher ist nur: Die beteiligten Forscher werden alles daran setzen, dass es klappt. Wenn es so weit kommt, stellen sich fundamentale Fragen. Über die man sich besser schon heute Gedanken macht.

          Schwule Paare, Singles, ganze Gruppen - alle könnten Eltern werden

          Was wäre möglich in dieser schönen neuen Welt? Zunächst einmal wären Frauen von der Bürde befreit, Kinder in einem Lebensabschnitt zu bekommen, in dem sie vielleicht mit Ausbildung, Beruf und anderen Dingen beschäftigt sind. Sie müssten auch nicht mehr um ihre Fruchtbarkeit fürchten, die spätestens nach dem vierzigsten Lebensjahr rapide schwindet. Frauen könnten, sofern das wünschbar erschiene, bereits als Kleinkind, aber auch im Greisenalter und selbst noch postum eine genetische Mutterschaft anstreben, wenn sie zu Lebzeiten ein paar Körperzellen einfrieren lassen.

          Zweitens: Schwule und lesbische Paare könnten leibliche Eltern werden, denn was ihnen an Ei- respektive Samenzellen fehlt, würden in Zukunft ihre Körperzellen liefern. Ein lesbischer Partner könnte das Kind auch selbst austragen, schwule Paare wären nach wie vor auf eine Leihmutter angewiesen.

          Drittens: Ein einzelner Mann oder eine alleinstehende Frau könnten mit sich selbst Kinder zeugen. Das wären keine Klone, weil auch die künstlichen Keimzellen eine Reifeteilung, im Fachdeutsch Meiose genannt, durchlaufen, bei der das Erbgut neu kombiniert wird. Aber deutlich ähnlicher wäre der Nachwuchs dem Erzeuger schon, wenn es zum „uni parenting“ käme.

          Es könnten umgekehrt mehrere Personen beschließen, gemeinsame Nachfahren in die Welt zu setzen. In diesem Falle würde man in der Laborschale mit künstlichen Samen- und Eizellen einen Embryo erzeugen, dem man in einem frühen Stadium wiederum Keimzellen entnimmt, die daraufhin mit den Keimzellen einer dritten Person vereinigt würden. Der ungeborene Embryo wäre dann zugleich Vater und Mutter, die ursprünglichen Eltern wären die Großeltern, die je ein Viertel der genetischen Anlagen beisteuern würden, während die andere Hälfte vom jeweils Dritten stammt. An diesem „multi parenting“ könnten sich sogar mehr als drei Personen beteiligen.

          Wäre das überhaupt gegen die Natur?

          Solche und andere Szenarien hat die Juraprofessorin Sonia Suter von der George Washington University in einem Aufsatz beschrieben, der deutlich macht, dass, falls sie denn Wirklichkeit würden, sich nicht nur das Erbrecht ändern müsste, sondern unser gesamtes Verständnis von Sexualität und Fortpflanzung.

          Der Mensch gehört zu den Säugetieren und damit zu den wenigen Ausnahmen im Reich der Organismen, die überhaupt eine Schwangerschaft kennen. Die meisten ein- und mehrzelligen Lebewesen praktizieren nicht einmal Sex, sondern vermehren sich durch Teilung, Knospung, Sporenbildung oder Fragmentierung. Auch wenn Geschlechtszellen im Rennen sind, finden die Vereinigung und die weitere Entwicklung häufig außerhalb des Körpers statt.

          So gesehen wäre es vom Grundsatz her nicht vollständig „gegen die Natur“, wenn die menschliche Reproduktion einmal anders aussähe. Es war schließlich auch nicht in der Natur des Menschen angelegt, dass er sich eines Tages mit Antibiotika schützt, Organe verpflanzt, in beheizten Vortragssälen Power-Point-Folien präsentiert und einen großen Teil seines mühsam erworbenen Wissens irgendwelchen Maschinen anvertraut.

          Der Rechtsgelehrte Henry Greely von der amerikanischen Stanford University hat diesen Gedanken fortgesponnen. Neben der Stammzelltechnik hat auch die Genanalyse enorme Fortschritte gemacht. Die Entzifferung des menschlichen Genoms, vor nicht allzu langer Zeit noch mit Milliardenaufwand vorangetrieben, ist fast schon zur Routine geworden. Bei In-vitro-Befruchtungen kommt inzwischen häufig die Präimplantationsdiagnostik zum Einsatz, mit deren Hilfe man Chromosomenschäden, aber auch einige hundert der insgesamt rund viertausend bekannten monogenetischen Erbkrankheiten nachweisen kann. Hinzu kommen genetische Risikofaktoren für Brustkrebs, Diabetes und andere Leiden, bei denen erbliche Anlagen ebenfalls eine Rolle spielen. Aus dem Genom ablesen lassen sich außerdem Eigenschaften wie Augen- und Haarfarbe, wahrscheinliche Körpergröße und eindeutig das Geschlecht des noch Ungeborenen, sowie die Wahrscheinlichkeit, bei Intelligenztests etwas besser abzuschneiden, etwas größere athletische oder musikalische Fähigkeiten zu entwickeln oder zu Autismus zu neigen.

          Beliebig viele Embryonen. Und nur die besten werden ausgewählt

          In zwanzig bis vierzig Jahren, so sagt Henry Greely voraus, wird das Alltag sein. Sex wird weiter praktiziert, aber hauptsächlich zum Vergnügen. Nicht überall auf der Welt, aber doch in den meisten entwickelten Gesellschaften wird es zum guten Ton gehören, Ei- und Samenzellen auf künstlichem Wege zu gewinnen, weil sich dadurch beliebig viele Embryonen herstellen lassen, ohne teure, unangenehme und gelegentlich riskante Prozeduren. Der Gentest wird obligatorisch werden, weil dann nur Embryonen zum Einsatz kommen, von denen man mit einiger Sicherheit sagen kann, dass sie keine schweren Erbkrankheiten besitzen.

          Wem die Vorstellung, in großer Zahl Embryonen herzustellen, um die meisten davon zu verwerfen, immer noch nicht behagt, könnte seine Körperstammzellen untersuchen lassen, ehe sie umgewandelt werden - mit geringerer Aussagekraft, aber doch so exakt, dass genetische Risiken erkennbar werden. Regierungen und Versicherungen werden das begrüßen, weil auf diese Weise hohe Kosten im Gesundheitssystem eingespart werden können. Einige Staaten könnten das Verfahren sogar verbindlich vorschreiben, wie einst die Röntgenreihenuntersuchung gegen Tuberkulose.

          Und wo bleibt bei alldem die Moral? Henry Greely bekennt, dass er zu den Konsequentialisten gehört, also weniger am moralischen Wert einer Handlung an sich interessiert ist als an dem Ergebnis, zu dem sie führt. Am wenigsten leuchten ihm religiöse Bedenken ein, denn die sind von Religion zu Religion verschieden. Künstliche Befruchtung und vorgeburtliche Gendiagnostik sind nach jüdischer Auslegung erlaubt und unter Umständen sogar erwünscht. Aber schon im muslimischen Glauben findet sich dazu keine einheitliche Position, genauso wenig wie im Buddhismus, im Hinduismus oder unter Evangelischen.

          Die Moral stünde nicht im Mittelpunkt, sondern die Sicherheit

          Die einzig konsistente und nicht nur mit Versen aus der Heiligen Schrift, sondern mit Argumenten untermauerte Haltung vertritt in dieser Frage die katholische Kirche. Sie lehnt jede Art künstlicher Befruchtung ebenso ab wie verlässliche Geburtenkontrolle oder außerehelichen Geschlechtsverkehr. In der Praxis folgt dieser Doktrin allerdings nur noch eine Minderheit ihrer Mitglieder.

          Ein weiterer populärer Einwand könnte lauten: „Ich finde das schrecklich.“ Oder: „Die ganze Idee ist krank.“ Greely respektiert diese Einstellung, weist aber darauf hin, dass allgemeine Vorbehalte nicht reichen, um Andersgesinnte per Gesetz von der Anwendung bestimmter Praktiken abzuhalten. Dürfen wir auf diese Weise in die Evolution eingreifen? Antwort: Warum denn nicht? Nur zwei Argumente lässt Greely ernsthaft gelten, nämlich dass wir noch nicht genug über das Genom und seine Funktionsweise wissen und dass sich erst erweisen muss, ob die Stammzellzeugung hinreichend sicher ist.

          Das wird vermutlich der Knackpunkt sein. Wer möchte seine leiblichen Nachkommen schon in eine riskante Zukunft schicken? Andererseits: Auch die erste In-vitro-Befruchtung am Menschen ist 1978 durchgeführt worden, ohne dass man mögliche Langzeitfolgen ausschließen konnte. Strenggenommen wissen wir heute nur, dass größere Schäden bislang ausgeblieben sind.

          Henry T. Greely: „The End of Sex and the Future of Human Reproduction“, Harvard University Press, Cambridge & London, 2016

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