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Fortpflanzungsmedizin : Es geht auch ohne Sex

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Beliebig viele Embryonen. Und nur die besten werden ausgewählt

In zwanzig bis vierzig Jahren, so sagt Henry Greely voraus, wird das Alltag sein. Sex wird weiter praktiziert, aber hauptsächlich zum Vergnügen. Nicht überall auf der Welt, aber doch in den meisten entwickelten Gesellschaften wird es zum guten Ton gehören, Ei- und Samenzellen auf künstlichem Wege zu gewinnen, weil sich dadurch beliebig viele Embryonen herstellen lassen, ohne teure, unangenehme und gelegentlich riskante Prozeduren. Der Gentest wird obligatorisch werden, weil dann nur Embryonen zum Einsatz kommen, von denen man mit einiger Sicherheit sagen kann, dass sie keine schweren Erbkrankheiten besitzen.

Wem die Vorstellung, in großer Zahl Embryonen herzustellen, um die meisten davon zu verwerfen, immer noch nicht behagt, könnte seine Körperstammzellen untersuchen lassen, ehe sie umgewandelt werden - mit geringerer Aussagekraft, aber doch so exakt, dass genetische Risiken erkennbar werden. Regierungen und Versicherungen werden das begrüßen, weil auf diese Weise hohe Kosten im Gesundheitssystem eingespart werden können. Einige Staaten könnten das Verfahren sogar verbindlich vorschreiben, wie einst die Röntgenreihenuntersuchung gegen Tuberkulose.

Und wo bleibt bei alldem die Moral? Henry Greely bekennt, dass er zu den Konsequentialisten gehört, also weniger am moralischen Wert einer Handlung an sich interessiert ist als an dem Ergebnis, zu dem sie führt. Am wenigsten leuchten ihm religiöse Bedenken ein, denn die sind von Religion zu Religion verschieden. Künstliche Befruchtung und vorgeburtliche Gendiagnostik sind nach jüdischer Auslegung erlaubt und unter Umständen sogar erwünscht. Aber schon im muslimischen Glauben findet sich dazu keine einheitliche Position, genauso wenig wie im Buddhismus, im Hinduismus oder unter Evangelischen.

Die Moral stünde nicht im Mittelpunkt, sondern die Sicherheit

Die einzig konsistente und nicht nur mit Versen aus der Heiligen Schrift, sondern mit Argumenten untermauerte Haltung vertritt in dieser Frage die katholische Kirche. Sie lehnt jede Art künstlicher Befruchtung ebenso ab wie verlässliche Geburtenkontrolle oder außerehelichen Geschlechtsverkehr. In der Praxis folgt dieser Doktrin allerdings nur noch eine Minderheit ihrer Mitglieder.

Ein weiterer populärer Einwand könnte lauten: „Ich finde das schrecklich.“ Oder: „Die ganze Idee ist krank.“ Greely respektiert diese Einstellung, weist aber darauf hin, dass allgemeine Vorbehalte nicht reichen, um Andersgesinnte per Gesetz von der Anwendung bestimmter Praktiken abzuhalten. Dürfen wir auf diese Weise in die Evolution eingreifen? Antwort: Warum denn nicht? Nur zwei Argumente lässt Greely ernsthaft gelten, nämlich dass wir noch nicht genug über das Genom und seine Funktionsweise wissen und dass sich erst erweisen muss, ob die Stammzellzeugung hinreichend sicher ist.

Das wird vermutlich der Knackpunkt sein. Wer möchte seine leiblichen Nachkommen schon in eine riskante Zukunft schicken? Andererseits: Auch die erste In-vitro-Befruchtung am Menschen ist 1978 durchgeführt worden, ohne dass man mögliche Langzeitfolgen ausschließen konnte. Strenggenommen wissen wir heute nur, dass größere Schäden bislang ausgeblieben sind.

Henry T. Greely: „The End of Sex and the Future of Human Reproduction“, Harvard University Press, Cambridge & London, 2016

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