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Fortpflanzungsmedizin : Es geht auch ohne Sex

  • -Aktualisiert am

Schwule Paare, Singles, ganze Gruppen - alle könnten Eltern werden

Was wäre möglich in dieser schönen neuen Welt? Zunächst einmal wären Frauen von der Bürde befreit, Kinder in einem Lebensabschnitt zu bekommen, in dem sie vielleicht mit Ausbildung, Beruf und anderen Dingen beschäftigt sind. Sie müssten auch nicht mehr um ihre Fruchtbarkeit fürchten, die spätestens nach dem vierzigsten Lebensjahr rapide schwindet. Frauen könnten, sofern das wünschbar erschiene, bereits als Kleinkind, aber auch im Greisenalter und selbst noch postum eine genetische Mutterschaft anstreben, wenn sie zu Lebzeiten ein paar Körperzellen einfrieren lassen.

Zweitens: Schwule und lesbische Paare könnten leibliche Eltern werden, denn was ihnen an Ei- respektive Samenzellen fehlt, würden in Zukunft ihre Körperzellen liefern. Ein lesbischer Partner könnte das Kind auch selbst austragen, schwule Paare wären nach wie vor auf eine Leihmutter angewiesen.

Drittens: Ein einzelner Mann oder eine alleinstehende Frau könnten mit sich selbst Kinder zeugen. Das wären keine Klone, weil auch die künstlichen Keimzellen eine Reifeteilung, im Fachdeutsch Meiose genannt, durchlaufen, bei der das Erbgut neu kombiniert wird. Aber deutlich ähnlicher wäre der Nachwuchs dem Erzeuger schon, wenn es zum „uni parenting“ käme.

Es könnten umgekehrt mehrere Personen beschließen, gemeinsame Nachfahren in die Welt zu setzen. In diesem Falle würde man in der Laborschale mit künstlichen Samen- und Eizellen einen Embryo erzeugen, dem man in einem frühen Stadium wiederum Keimzellen entnimmt, die daraufhin mit den Keimzellen einer dritten Person vereinigt würden. Der ungeborene Embryo wäre dann zugleich Vater und Mutter, die ursprünglichen Eltern wären die Großeltern, die je ein Viertel der genetischen Anlagen beisteuern würden, während die andere Hälfte vom jeweils Dritten stammt. An diesem „multi parenting“ könnten sich sogar mehr als drei Personen beteiligen.

Wäre das überhaupt gegen die Natur?

Solche und andere Szenarien hat die Juraprofessorin Sonia Suter von der George Washington University in einem Aufsatz beschrieben, der deutlich macht, dass, falls sie denn Wirklichkeit würden, sich nicht nur das Erbrecht ändern müsste, sondern unser gesamtes Verständnis von Sexualität und Fortpflanzung.

Der Mensch gehört zu den Säugetieren und damit zu den wenigen Ausnahmen im Reich der Organismen, die überhaupt eine Schwangerschaft kennen. Die meisten ein- und mehrzelligen Lebewesen praktizieren nicht einmal Sex, sondern vermehren sich durch Teilung, Knospung, Sporenbildung oder Fragmentierung. Auch wenn Geschlechtszellen im Rennen sind, finden die Vereinigung und die weitere Entwicklung häufig außerhalb des Körpers statt.

So gesehen wäre es vom Grundsatz her nicht vollständig „gegen die Natur“, wenn die menschliche Reproduktion einmal anders aussähe. Es war schließlich auch nicht in der Natur des Menschen angelegt, dass er sich eines Tages mit Antibiotika schützt, Organe verpflanzt, in beheizten Vortragssälen Power-Point-Folien präsentiert und einen großen Teil seines mühsam erworbenen Wissens irgendwelchen Maschinen anvertraut.

Der Rechtsgelehrte Henry Greely von der amerikanischen Stanford University hat diesen Gedanken fortgesponnen. Neben der Stammzelltechnik hat auch die Genanalyse enorme Fortschritte gemacht. Die Entzifferung des menschlichen Genoms, vor nicht allzu langer Zeit noch mit Milliardenaufwand vorangetrieben, ist fast schon zur Routine geworden. Bei In-vitro-Befruchtungen kommt inzwischen häufig die Präimplantationsdiagnostik zum Einsatz, mit deren Hilfe man Chromosomenschäden, aber auch einige hundert der insgesamt rund viertausend bekannten monogenetischen Erbkrankheiten nachweisen kann. Hinzu kommen genetische Risikofaktoren für Brustkrebs, Diabetes und andere Leiden, bei denen erbliche Anlagen ebenfalls eine Rolle spielen. Aus dem Genom ablesen lassen sich außerdem Eigenschaften wie Augen- und Haarfarbe, wahrscheinliche Körpergröße und eindeutig das Geschlecht des noch Ungeborenen, sowie die Wahrscheinlichkeit, bei Intelligenztests etwas besser abzuschneiden, etwas größere athletische oder musikalische Fähigkeiten zu entwickeln oder zu Autismus zu neigen.

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