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Forschung : Gentechnik am Gängelhaken

  • -Aktualisiert am

Von „Maulkörben“ und „Forschungsverbot“ ist die Rede, seitdem Verbraucherschutzministerin Künast in ihrem politischen Feldzug gegen dei grüne Gentechnik den Ressortforschern die Themen vorgibt. Wissenschaft und Politik reagieren empört.

          Ressortforscher sind Wissenschaftler, die an staatlichen Instituten und Anstalten arbeiten und qua ihrer Expertise und ihrer Anbindung an bestimmte Ministerien die Politik beraten. Sie haben einen schweren Stand. Einerseits rügt der Wissenschaftsrat, ihre Forschungsleistungen entsprächen vielfach nicht dem internationalen Standard. Andererseits sind sie direkt ihren Ministerien unterstellt und müssen nach deren Weisung arbeiten. Inzwischen versucht sie zumindest organisatorisch eine Neuorientierung zwischen Wissenschaft und Politik. Doch jeder hat da so seine eigene Vorstellung, wie die jüngsten Vorgänge an einigen Forschungsinstituten zeigen, die im Zuständigkeitsbereich von Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) liegen.

          Die Ministerin hatte, wie in einem Beitrag des jüngsten "Laborjournals" aufgedeckt wurde, etliche Wissenschaftler, die in der grünen Gentechnik tätig sind, aufgefordert, bereits gestellte Anträge auf Drittmittel zurückzuziehen. Sämtliche Forschungsanträge beschäftigten sich mit Fragen der Sicherheitsforschung an transgenen Pflanzen. Die Gelder dafür werden vom Bundesforschungsministerium im Rahmen des Programms "Biologische Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen" zur Verfügung gestellt. Insgesamt wurden 14 von 28 Anträgen zurückgezogen.

          „Potentiell gefährlich“

          Zwei davon waren von den Gutachtern des Forschungsministeriums bereits zur Finanzierung empfohlen worden. Sie kamen von Joachim Schiemann von der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) in Braunschweig und Reinhardt Töpfer vom Institut für Rebenzüchtung der Bundesforschungsanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen in Siebeldingen. Beide Wissenschaftler waren nicht bereit, diese Vorgänge zu kommentieren. Inzwischen hat das BMBF entschieden, einen dritten Forschungsantrag aus einem dem Verbraucherministerium unterstellten Institut zu finanzieren - und auch dieser soll, so die Weisung aus dem Ministerium, zurückgezogen werden.

          Alle drei Wissenschaftler wollten Methoden untersuchen, mit denen man sogenannte Markergene, die man zur Herstellung transgener Pflanzen benötigt, später gezielt aus ebenjenen Pflanzen wieder eliminieren kann. Als Markergene werden meistens Gene benutzt, die Pflanzen resistent gegen Antibiotika machen. Gerade diese Gene schätzen Kritiker der grünen Gentechnik als potentiell gefährlich ein, weil die Möglichkeit besteht, daß sich die Gene und damit Antibiotikaresistenzen in der Umwelt ausbreiten.

          „Ungeheuerlicher Vorgang“

          Das Vorgehen der Verbraucherministerin hat nicht nur in der Forschungslandschaft heftige Reaktionen ausgelöst. Über einen "ungeheuerlichen Vorgang", der tief in die Forschungsfreiheit eingreife, empörte sich Professor Ralph Bock vom Max-Planck-Institut für Physiologie in Golm. Inge Broer von der Universität Rostock sagt: "Wenn wir beim Anbau von transgenen Pflanzen Sicherheitsstandards erfüllen wollen, dann müssen wir doch Sicherheitsforschung machen. Wer, wenn nicht staatliche Institutionen, soll künftig unabhängige Gutachten über den Anbau transgener Pflanzen erstellen?" Auch Reinhard Hüttl vom Wissenschaftsrat ist empört: "Über die Auftragsstellung entscheidet die Politik, doch die Ressortforscher sind in der Wahl ihrer Methoden frei."

          Mehrfach schon hat Künast ihr Veto bei Forschungsprojekten, die mit transgenen Pflanzen zu tun haben, eingelegt. So hat sie dem Institut für Obstzüchtung in Pillnitz einen bereits vom Robert-Koch-Institut genehmigten Freilandversuch mit transgenen Apfelbäumen untersagt. Außerdem wies sie Bernd Hommel vom Institut für integrierten Pflanzenschutz in Kleinmachnow an, die Freilandversuche zur Sicherheitsforschung mit transgenem Raps einzustellen. Und schließlich stoppte sie die Teilnahme der BBA an dem Erprobungsanbau von Bt-Mais, der in der vergangenen Anbauperiode in sieben Bundesländern stattgefunden hat.

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