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Primaten antizipieren : Wieder nichts, was uns Menschen ausmacht

Schimpanse Lome im Zoo Leipzig. Bild: MPI für evolutionäre Anthropologie

Ich weiß, dass du etwas zu wissen meinst, was aber falsch ist: Das klingt sehr menschlich. Doch jetzt zeigen Forscher, dass auch Primaten solche Subtilitäten implizit beherrschen.

          „Theory of mind“ (TOM) ist keine besonders glückliche, aber nun einmal eingebürgerte Bezeichnung der Kognitionswissenschaften. Über eine solche TOM zu verfügen bedeutet nicht, eine ausgefeilte Theorie zu beherrschen, sondern das Verhalten anderer Akteure als Ausdruck von deren geistigen Zuständen lesen zu können: als Ausdruck von Intentionen, Wünschen und bestimmten Überzeugungen über das Vorliegen von Sachverhalten, die wiederum von den Beobachterposition der anderen abhängen.

          Ich weiß, was der Fall ist

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Menschen haben die Vollform einer solchen TOM: Wir richten uns in unserem Verhalten danach, dass unsere Mitmenschen die Realität aus bestimmten Blickwinkeln wahrnehmen und dabei bestimmte Intentionen und Überzeugungen mit ihr verknüpfen. Wobei auch der Fall eintreten kann, dass wir aufgrund einer besseren Informationslage wissen, dass die Überzeugung der anderen, die wir für die Prognose ihres Verhaltens in Rechnung stellen, falsch ist. Ich weiß zum Beispiel, dass die Äpfel nicht mehr im Kühlschrank sind, denn ich habe sie selbst auf den Tisch gestellt; aber ich gehe trotzdem davon aus, dass mein Mitbewohner, der von der Verbringung der Äpfel in die Obstschale auf dem Tisch nichts weiß, weil er zu diesem Zeitpunkt nicht in der Wohnung war, sie immer noch im Kühlschrank suchen wird. Ich weiß also, was der Fall ist - in diesem Fall habe ich ihn selbst hergestellt, aber ich hätte auch jemand Drittes beim Apfeltransfer beobachten können -, ich weiß jedoch auch, wie sich die Situation jemandem darstellt, der die Herstellung des neuen Sachverhalts nicht mitbekommen hat. Das heißt, ich weiß, dass Letzterer einer aus seiner Sicht richtigen, aus meiner Sicht jedoch objektiv falschen Überzeugung folgen wird. Menschenkinder können ab dem Alter von etwa vier Jahre, eine solche Unterscheidung vornehmen.

          Prominent wurde die TOM auch deshalb, weil sie lange als Kandidat für eine Beschreibung der kognitiven Sonderstellung des Menschen galt: Menschen verfügten über eine TOM, nehmen andere also als Agenten mit einem geistigen Innenleben und bestimmten Blickwinkeln auf die Welt wahr, während die Großen Menschenaffen, so beeindruckend ihre Leistungen auch sonst sein mögen, noch keine TOM in ihrem kognitiven Repertoire haben und sich nur an die körperlichen Bewegungen anderer Akteure halten.

          Diese Vorstellung ließ sich allerdings nicht halten: Eine Reihe von immer gewitzter ausgedachten Experimenten zeigte, dass Große Menschenaffen sich durchaus an den Intentionen und Überzeugungen anderer Akteure orientieren können, um deren Verhalten zu antizipieren. Zweifelhaft schien allerdings weiterhin, dass sie Akteuren auch falsche Überzeugungen zuschreiben können, so wie es im Apfel-Beispiel vorgestellt wurde.

          Leipziger Experimente

          Doch genau diesen Beweis hat nun eine Gruppe von Forschern um Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig erbracht, die ihre Ergebnisse in der Zeitschrift „Science“ vorstellen. Die Herausforderung für das experimentelle Setting lag darin, tragfähige nichtsprachliche Indizien dafür zu finden, dass die Affen die Handlung eines von ihnen beobachteten Akteurs deshalb richtig antizipieren, weil sie dessen falsche Überzeugung vom Vorliegen eines Sachverhalts dabei in Rechnung stellen. Einen Wink zur Lösung dieser Schwierigkeit gaben Experimente mit Kleinkindern, die zeigten, dass sich antizipatorische Augenbewegungen als solche Indizien verwenden lassen: Die Kinder sehen dorthin, wo sie erwarten, dass ihr Gegenüber den Gegenstand suchen wird, dessen Verschwinden sie selbst verfolgt hatten.

          „King Kong“ im Video

          In den nun durchgeführten Experimenten mit Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans wurden die Augenbewegungen der Primaten auf nichtinvasive Weise aufgezeichnet (siehe Video). Die Affen verfolgten, durch das Schlürfen von angebotenem Saft ruhiggestellt, auf einem Bildschirm kleine „Seifenopern“, in der Akteure nach einem Gegenstand oder auch nach einem affenähnlich verkleideten Menschen („King Kong“) suchen. So konnten sie beobachten, dass Letztere nicht dort sind, wo sie der suchende Akteur in den gefilmten Szenen zuletzt gesehen hat, denn im Unterschied zu ihm sahen sie, wie der Gegenstand fortgenommen wurde oder der gefilmte „King Kong“ das Weite suchte. Ihre Augenbewegungen aber zeigten ihre Erwartung an, dass der Akteur schließlich dort suchen würde, wo er den Gegenstand oder „King Kong“ fälschlich immer noch vermutete.

          Bei den Experimenten wurde darauf geachtet, den Affen keine Möglichkeit zu geben, Hinweise aus der Körpersprache der Akteure zu gewinnen. Zu diesem Zweck wählte man Szenarien und Handlungsverläufe, die den Tieren unvertraut waren. Die bescheidenste Interpretation der Versuchsergebnisse lautet trotzdem, dass die Affen sich an die Regel hielten, nach der die Akteure dort nach den Gegenständen suchten, wo sie diese zum letzten Mal gesehen hatten, selbst wenn die Menschenaffen wussten, dass die Gegenstände dort nicht mehr zu finden waren. Doch diese Erklärung, so die Forschergruppe, würde sich zum einen mit schon gewonnenen Indizien für eine TOM bei Affen nur schwer vereinbaren lassen. Zum anderen zeigten neuere Experimente, dass Affen genauso wie Kleinkinder offenbar aus eigener Erfahrung mit opaken Objekten darauf schließen können, ob andere durch diese Objekte schauen können - also einen Wechsel der Perspektive von sich selbst zu anderen Akteuren beherrschen, was über ein strikt aus Verhaltensbeobachtungen gewonnene Regel hinausgeht.

          Für die Forscher ist damit erwiesen, dass die Fähigkeit, anderen Akteuren falsche Überzeugungen zuzuschreiben, kein Unterscheidungsmerkmal des Menschen gegenüber den Großen Menschenaffen ist. Zwar können die Affen, wie andere Experimente bereits zeigten, solche Zuschreibungen nicht in explizite Handlungsentscheidungen umsetzen, doch implizit seien sie ihnen bereits geläufig. Damit sind unsere nächsten Verwandten unter den Primaten uns, wieder einmal, ein Stückchen näher gekommen.

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