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Foresight Filmfestival : So sieht die Welt in 15 Jahren aus

Die Umsetzung dieser wissenschaftlich orientierten Gedanken in einen Kurzfilm gelingen nicht immer. Oder anders formuliert: Der Film hinterlässt den Zuschauer mit der gleichen Rätselhaftigkeit wie den Leser der hintergründigen Informationen. Was das Kunstwerk betrifft, tut diese elliptische, andeutungshafte und gedankenanregende Darstellung gut. Man kann nur ahnen, um was es geht. Die Einstiegsfrage des ersten von vier Robotern,  „Wo bin ich?“, wird von einem zweiten zunächst scheinbar konkret beantwortet: „Du bist hier bei den Speichern.“ Und die folgenden Dialoge ergeben sogar einen narrativen Gehalt. Doch Wörter wie „Löschen“, „Persönlichkeit“, „eigene Meinung“ heben das Gespräch der Roboter untereinander auf eine zweite Bedeutungsebene, die auf das Verhältnis von Künstlicher Intelligenz zu Menschlichkeit verweist.

Auch hier wartet auf den Zuschauer ganz am Schluss eine Wende, als die Kamera ähnlich wie beim Film „sry bsy“ die frontale Perspektive des „Kasperletheaters“ verlässt, um die eigentlichen Theaterbesucher zu zeigen: Roboter. Poßners liebevoll gemachte 3D-Animation vollzieht somit den gleichen pädagogischen Dreh wie „sry bsy“ auch, nur etwas abstrakter. Identitätsfragen sind nun mal schwierigen zu lösen als die Frage, wie man Stress reduziert.

Kategorie Post Privacy: „Malu“

In dieser Kategorie sollte die Frage beantwortet werden, wohin uns die Datenflut trägt. Auf Platz eins landete Felix Brokbals, ebenfalls von der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Sein Film „Malu“ erinnert an Konzeptkunst. Er ist eingebettet in eine Beschreibung und eine Homepage, die dem Leser und Zuschauer keine Möglichkeit bietet, zwischen Kunst und Realität zu unterscheiden. So beginnt er seine Beschreibung mit den Worten: „Unsichtbar und immer an deiner Seite baut malu Brücken zwischen dir, deinen Freunden und der ganzen Welt. Erlebe die Freiheit, jede Chance zu nutzen, wie du es möchtest. Jeden Tag. Überall. Eine Welt, in der Smart-Devices sich ganz natürlich in dein Leben einbinden, ist eine Welt mit malu.“

Und der Film hat den gleichen Duktus. Brokbals hat ihn gedreht im Stil eines Werbefilms. Oder ist es ein Werbefilm? Das lässt sich zunächst nicht unterscheiden. Denn es gibt kein - wie bei den anderen Filmen - reflektierende Wende, die auf den Zuschauer verweist. Und so sieht über zwei Minuten lang die Vorteile von Malu. Eine angenehm klingende Frauenstimme erklärt, dass „mit Manus, Lumen und Auris von Malu die Welt ein Spielplatz ist, in dem deine Phantasie keine Grenzen kennt.“ In diesem Stil geht es konsequent weiter und manch ein Zuschauer wird Lust bekommen haben, seine Körper mit einem Mikrochip im Handgelenk, einer Multimedia-Kontaktlinse und einer Sound-Device ergänzen zu lassen.

Eigentlich ist es ein Horrorszenario, das Brokbals hier aufbaut. Aber durch die Darstellungsform als Werbefilm und der distanzlosen Beschreibung auf der dazugehörigen Webseite wird man in diese schöne neue Welt mit hineingezogen. Selbst an ein eigens dafür gestaltetes Logo hat der Filmemacher gedacht. Er überlässt es komplett dem Zuschauer, ob er Malu gut findet oder nicht. Und selbst die Frage, ob es dieses Produkt gibt, lässt er offen. Lediglich der gesunde Menschenverstand lässt einen erkennen,  dass  es „eine Multimedia-Kontaktlinse, die mit Head-Up-Display und Kamera den optischen Teil des Systems bildet“ bislang nur in Science-Fiction-Filmen existiert. Aber wer weiß, ob es das nicht tatsächlich in Zukunft geben wird. Schließlich will das Foresight-Institut zehn bis fünfzehn Jahre in die Zukunft schauen.

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