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Fischsterben in der Oder : Algenblüte oder Zementverklappung?

Tote Fische, Muscheln und Schnecken haben sich an einer von der Feuerwehr verlegter Sperre in der Westoder, auf der Wasseroberfläche gesammelt. Bild: dpa

Noch immer ist nicht geklärt, wie es zu dem Fischsterben in der Oder kommen konnte. Es mehren sich aber die Hinweise, dass eine Alge die Ursache sein könnte – gepaart mit menschlichem Zutun.

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          Schätzungsweise trieben bislang etwa 100 Tonnen tote Fische die Oder hinunter. Die ersten größeren Mengen Fischkadaver waren Ende Juli südlich von Breslau gefunden worden, am 9. August gab es bei Frankfurt an der Oder auch die ersten Funde in Deutschland. Dort zeigten sich bereits am 7. August auffällige Veränderungen einiger Paramater, so stieg etwa der pH-Wert des Flusswassers deutlich an, es wurde also alkalischer. Unklar ist auch, ob die hohen Wassertemperaturen oder die niedrigen Pegelstände etwas mit dem Phänomen zu tun haben.

          Ulf von Rauchhaupt
          Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Kim Maurus
          Volontärin.

          Am Mittwoch entdeckten Forscher in der Oder eine stark ausgebreitete Alge, die für das Massensterben verantwortlich sein könnte. Sein Kollege Jan Köhler habe die Prymnesium parvum „zweifelsfrei mikroskopisch“ identifiziert, sagte Fischökologe Christian Wolter der F.A.Z. Die Alge sei bekannt dafür, Giftstoffe freisetzen zu können. Ob dies in diesem Fall geschehen sei, sei aber noch nicht bewiesen. „Wir müssen das Gift in einer Wasserprobe nachweisen. Da sind die Kollegen dran“, sagte Forscher des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Das Gift trete glücklicherweise nicht häufig auf, gerade deshalb gestalte sich aber die Analyse schwierig.

          Für die Theorie sprechen einige Indizien: Die gefundene Alge lebt normalerweise im Brackwasser, sie mag salzhaltige Lebensräume. Um den 7. August stieg auch die elektrische Leitfähigkeit des Wassers eklatant an. Das deute daraufhin, dass ein salzhaltiger Stoff in den Fluss eingeleitet worden sei. Salze sind Ionen, sie werden als Leitfähigkeit im Wasser gemessen. „Die Werte waren doppelt so hoch wie normal“, sagte Wolter. Ohne das Salz habe sich die Alge nicht so stark ausbreiten können und könne auch kein Gift bilden. Wolter geht nicht davon aus, dass es sich bei dem eingeleiteten Stoff um ein Versehen handelt. Die Leitfähigkeit des Wasser sinke zwar inzwischen langsam wieder, an den Daten sei aber abzulesen, dass der Stoff etwa zwei Wochen lang in die Oder geflossen sein müsse.

          Alge verursacht Trübung

          Die Alge habe durch das Niedrigwasser und die Sonne besonders gut wachsen können. Auch der höhere Sauerstoffgehalt des Wassers ergebe Sinn, da die Alge Sauerstoff produziere. Nitrat-Stickstoff hingehen sei ein Pflanzenbaustein, den die Alge sich buchstäblich einverleibe, der Wert war um den 7. August herum stark abgefallen. Die verstärkte Trübung im Wasser lasse sich durch die Alge ebenfalls erklären.

          Hat die Alge tatsächlich Gift produziert, greift dieses die Kiemen der Fische an und zerstört sie. Bei der Umweltkatastrophe verendeten auch Muscheln. Das Toxin löse Weichgewebe sofort auf, sagte Wolter. Die gefundenen toten Muscheln hätten keine sogenannten Byssusfäden mehr gehabt, die ihnen normalerweise Haft geben. Würden Muscheln auf normale Weise sterben, hingen die Byssusfäden noch an ihnen dran.

          Zur Zeit untersuchen Labore in Deutschland und Polen Kadaver und Flusswasser auf rund 300 verschiedene chemische Substanzen. Die aktuelle Datenlage sei allerdings noch lückenhaft, sagte Jörg Oehlmann, Leiter der Abteilung Aquatische Ökotoxikologie am Institut für Ökologie der Universität Frankfurt am Main, dem Science Media Center Deutschland. „Konkret fehlen selbst Basisdaten, wie zum Beispiel die Gehalte an Gesamt-Phosphor, Ortho-Phosphat und Ammonium im Wasser. Insofern ist Bewertung mit eben diesen Unsicherheiten behaftet.“

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