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Feldenkrais-Methode : Die bewegte Persönlichkeit

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Die innere Bibliothek der Möglichkeiten

Die Feldenkrais-Methode mit Worten zu beschreiben ist nicht ganz leicht. Sie versuche, eine Kenntnis der Möglichkeiten zu vermitteln, durch Berührungen und Selbstkontakt einen Dialog mit dem unreifen Gehirn herzustellen, beschreibt Chava Shelhav ihre „Child’s Space“-Methode. Anders ausgedrückt: „Bereichere dein System mit Dingen, die du schon kannst, und ärgere es nicht mit Erfahrungen, die es noch nicht erleben kann.“ Ein Feldenkrais-Therapeut müsse sich immer auf die Reife der bereits vorhandenen Bewegungsprogramme konzentrieren.

Anschaulicher wird die Methode, wenn man sie praktiziert und zum Beispiel übt, auf verschiedene Arten nach links zu schauen. Man kann dazu die Augenmuskeln bewegen, den Hals drehen oder den Kopf mit der Schulter oder aus der Hüfte heraus in die gewünschte Richtung bewegen. Selbst mit den Füßen lässt sich das bewerkstelligen. Gelenke und Wirbel können wie die Glieder einer Kette in Bewegung versetzt werden. Was einem möglich ist, soll erst erforscht und das Repertoire dann erweitert werden.

Bei Kleinkindern sind ein Ball oder eine Rassel und das Spiel auf dem Fußboden ein guter Anfang, um die innere Bibliothek der Möglichkeiten zu öffnen. Das ist nicht immer nur lustig und geht manchmal nicht ohne Tränen und Geschrei ab. Auch bei der Arbeit mit Erwachsenen kann es zu mentalen Widerständen kommen. Der Therapeut müsse dann abwägen zwischen dem subjektiven Unwohlsein des Klienten und der Chance, ein „neues Buch in die Bibliothek zu stellen“, sagt Shelhav, aus der das Gehirn dann neue Bewegungen auswählen kann.

Stetes Lernen neuer Möglichkeiten

Was die Feldenkrais-Methode bildhaft beschreibt, soll nun erstmals auch mit Hilfe moderner Messtechnik nachvollzogen werden. Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin läuft derzeit eine Versuchsreihe, die zeigen soll, was bei der Therapie mit dem simulierten Boden im Gehirn geschieht. Freiwillige liegen dabei im Magnetresonanztomographen, während ein Therapeut ihre Fußsohlen mit dem Holzbrett bearbeitet. Er stellt sich dabei entweder vor, nur lokal zu stimulieren. Oder er bemüht sich, bei gleichem Druck die ganze Person zu beeinflussen, wie eine Kette von Körpergliedern, die den aufrechten Gang im Liegen nachvollzieht.

Die minimalen Unterschiede zwischen diesen beiden Berührungsformen lassen sich subjektiv kaum beschreiben, geschweige denn mechanisch messen. Die Berliner Forscher hoffen, dass sich trotzdem unterschiedliche Aktivierungsmuster im motorischen Cortex der Behandelten zeigen. Und vielleicht nicht nur dort.

Noch ist die Studie nicht abgeschlossen. Es wird noch etliche Experimente erfordern, um sich Moshé Feldenkrais zu nähern, der immerhin Hunderte von Lektionen für beinahe jeden Teil des Körpers entwickelt hatte. Er sah zwischen Selbstbewusstsein und Bewegtheit einen engen Zusammenhang. Beiden wollte er auf die Sprünge helfen. Im steten Lernen neuer Möglichkeiten sah er den Schlüssel dazu. Ein Mensch allerdings, der sich schon vollkommen fühle, höre auf damit. Und werde nie zu einer auch nur halbwegs vollkommenen Persönlichkeit.

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