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Sag mir, wo die Fische sind

Von ANDREAS FREY

7. März 2021 · Dem Bodensee gehen die Felchen aus. Fischer fangen weniger und Touristen bekommen Importfisch auf die Teller. Auch andere Speisefische machen sich rar im Schwäbischen Meer. Der Grund ist nicht die Umweltverschmutzung. Im Gegenteil.

Im Dezember ist Elke Dilger erstmals wieder auf den Bodensee hinausgefahren. Im fahlen Dämmerlicht holte man die Netze ein. Felchen kommen immer im Morgengrauen zur Nahrungssuche hoch. Doch die Fischer waren nicht hier, um sie zu töten, sondern, um sie zu vermehren. Elke Dilger packte sich ein Weibchen, strich die Eier aus dem Leib und gab die Milch der Männchen hinzu. Es ist eine harte, aber schöne Arbeit. „Man kann zusehen, wie das Leben beginnt“, sagt sie. Laichfischerei nennt sich diese künstliche Vermehrung des Brutbestands zur Schonzeit im Frühwinter. Wie Hebammen stehen die Fischer tagelang auf Abruf, um den Felchen bei der Fortpflanzung zu helfen. Denn mehr Laich bringt mehr Fisch. Elke Dilger kennt die Abläufe auf dem See, 26 Jahre verbrachte sie fast jeden Tag mit ihrem Vater auf dem Wasser, als eine der ersten Berufsfischerinnen überhaupt. Aber an diesem Morgen im Dezember fühlte sie sich fehl am Platz. Sieben Jahre lang hatte sie keinen Fuß mehr auf ein Fischerboot gesetzt. Kurz nach dem Tod des Vaters im  Jahr 2013 hatte sie ihren Beruf aufgegeben. Seither arbeitet Dilger in einem Altenheim in ihrem Heimatort Meersburg. Die kleine Stadt ist eine der schönsten Adressen am Bodensee. Viel Fachwerk, gepflegte Gässchen, herrliche Aussichten. Die Arbeit in der Seniorenresidenz war schon eine große Umstellung, sagt sie. Jahrzehntelang hat sie draußen Sonnenaufgänge bestaunt, den See ruhen, dampfen, glitzern und toben sehen. Sie  hatte mit dem See gelebt wie mit einem strengen Vater, er bestimmte ihr Leben.

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Fischküchle: Aus Brachsen (Abramis brama) stellte man am Bodensee traditionell Fischvesper her.
Grell: Die männlichen Seesaiblinge (Salvelinus alpinus) sind zur Laichzeit auffällig gefärbt.
Wanderer: Der Aal (Anguilla anguilla) zieht sogar den Rheinfall hinauf, ist aber immer stärker bedroht.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Der See, die Fische, die Fischer. Wäre es nicht so, hätte Elke Dilger ihren Beruf nie aufgegeben, erzählt sie an einem milden Wintertag Anfang Februar. Sie steht im Hafen, wo im Sommer Schiffe mit Hunderten Besuchern aus Konstanz anlegen. Ein frischer Wind streift über das Wasser, am anderen Ufer lugen die schneebedeckten Alpen aus dem Wolkenmeer. Elke Dilger, kurze, schwarze Haare, Halstuch, sieht jünger aus als 51. Sie hat eine Tourismusbroschüre mitgebracht. „Hier, schauen Sie“, sagt sie. Das Titelbild zeigt einen Fischer auf Heimfahrt, erschöpft, aber zufrieden. Immer noch werde mit der Bodenseefischerei um Touristen geworben. Sie seufzt.

Denn die Situation für die Bodenseefischer ist hoffnungslos geworden. Immer mehr geben auf, wechseln in die Landwirtschaft, eröffnen Ferienwohnungen oder gehen gleich in Rente. Weil Nährstoffe wie Phosphor fehlen, gibt es weniger heimische Fische – prächtig vermehren sich nur invasive Arten. Hinzu kommen Klimawandel, Nachwuchsprobleme, Chemierückstände und jetzt auch noch Streit über Zuchtanlagen. Eine Genossenschaft möchte am Überlinger See eine Felchen-Aquakultur eröffnen.

Das Thema lässt hier niemanden kalt, am wenigsten die Fischer. Elke Dilger war von Anfang an dagegen, als Vorsitzende des Berufsfischerverbands kämpft sie seit Jahren gegen die Felchenzucht. Anfang Oktober organisierte sie einen großen Protest. Mit mehr als hundert Schiffen demonstrierten Dutzende Berufsfischer aus Deutschland und der Schweiz gegen die Fischmast. Die Fischer befürchten unabsehbare Folgen für das Ökosystem und die Gesundheit der wild lebenden Fische im Bodensee. Zudem sehen sie das Trinkwasser, das aus dem Bodensee an Millionen Haushalte gepumpt wird, gefährdet.

Dass eine Mehrheit rund um den See mittlerweile gegen die Aquakultur ist, verbucht Elke Dilger als ihren Erfolg. Alle Parteien seien mittlerweile gegen Netzgehege, sogar der Kreisrat der CDU, sagt sie und grinst diebisch. Immerhin war es der amtierende Landwirtschaftsminister Peter Hauk von der Union, der vor zwölf Jahren, während seiner ersten Amtszeit, Netzgehege als Lösung für schrumpfende Fischbestände befürwortete. Eigentlich sei das schon eine gute Idee gewesen, ruft Elke Dilger gegen den Wind. Die Felchenzucht sollte den Fischern wieder satte Erträge liefern. „Doch wir Fischer waren uns international schnell einig“, sagt Dilger. „Wir wollen diese Netzgehege nicht.“ Die Ablehnung sprach sich schnell in Stuttgart herum. Im Landwirtschaftsministerium allerdings hat man die massive Kritik bis heute nicht verstanden. Bei einem Empfang stellte sich Elke Dilger einmal dem Landwirtschaftsminister vor. Der wusste sofort, mit wem er es zu tun hatte. „Warum machen Sie denn so eine Stimmung gegen mich?“, soll er gefragt haben. Da legte sie los.

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Kältefan: Die Trüsche oder Quappe (Lota lota) benötigt zur Eiablage Wassertemperaturen unter fünf Grad.
Haupträuber: Der Hecht (Esox lucius) sucht seine Beute vor allem in der f lachen Uferzone.
Eingewandert: Die Regenbogenforelle (Oncorhynchus mykiss) stammt aus Nordamerika.

Spaziert man vom Meersburger Hafen die Seepromenade entlang in Richtung Osten, steht man eine Stunde später in Hagnau. Hier wohnt Martin Meichle, ebenfalls Bodenseefischer. Elke Dilger und er kennen sich seit Jahrzehnten. Gerne hätte man mit ihm persönlich gesprochen, aber die Zeit sei knapp, entschuldigt er sich. Man erreicht ihn schließlich nach einigen Versuchen am Telefon. Mit der Presse redet er momentan nicht so gerne, für manche in der Region ist er das schwarze Schaf. Denn Meichle ist für die Netzgehege und hat eine Genossenschaft zur Planung des Pilotprojekts einer solchen Zuchtanlage gegründet. Ein paar Mitglieder zählt die Genossenschaft derzeit, Meichle ist der Einzige am Obersee.

Meichle spricht ruhig, aber er klingt misstrauisch. Dann verteidigt er sein Vorhaben. Die Drohkulisse, die seine Kollegen aufbauen, sei wissenschaftlich nicht haltbar. Neue Krankheiten würden nicht eingeschleppt, sagt er, die Zuchtfische stammen ja alle aus dem Bodensee. Auch die Angst vor einer starken Gewässerverschmutzung hält er für völlig unbegründet. Für die Pilotanlage habe er einen Antrag beim Landratsamt in Konstanz gestellt, erzählt er. Einen Entscheid erwartet er in diesem Jahr. Denn zulässig sind Netzgehege im Bodensee nach geltendem Recht nicht. Beim Landratsamt ist noch kein Antrag eingegangen, teilt Thomas Buser vom Amt für Baurecht und Umwelt auf Anfrage mit. Es habe lediglich ein Informationsgespräch gegeben, in dem der Genossenschaft mitgeteilt wurde, welche Anforderungen ein solcher Antrag zu erfüllen habe. Bislang liege dem Amt weder ein prüffähiger wasserrechtlicher Antrag noch eine fortgeschrittene Entwurfsplanung vor.

Ist das Projekt Felchenzucht am Ende, bevor es beginnt? Es sieht alles danach aus. Dass das Thema so polarisiert, hat auch Alexander Brinker überrascht. Der Biologe leitet die Fischereiforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg in Langenargen, ist also dem Landwirtschaftsministerium unterstellt. Brinker hat den Streit von Anfang an mitbekommen, er wurde selbst zur Zielscheibe und möchte darüber am liebsten nicht mehr sprechen. Der Bodensee mag der größte See Deutschlands sein, aber die Menschen leben hier wie auf einem Dorf.

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Grätig aber gut: Das Rotauge (Rutilus rutilus) ist nach seiner leuchtend roten Iris benannt.
Klimaprofiteur: Die Schleie (Tinca tinca) mag es warm und gründelt gerne im Bodenschlamm.

Dann redet er doch. „Es gibt keine gute Lösung“, sagt Brinker, aber in der Aquakultur sieht er die einzige Möglichkeit, regionale Felchen zu züchten. Zehn Jahre ist es her, dass der See nicht mehr genügend Felchen produzierte, erinnert er sich. Die Fischer fingen damals erstmals weniger Fisch, als rund um den See verzehrt wurde. Grund hierfür ist der seit Jahren stark fallende Phosphorgehalt des Seewassers. Auf Phosphormangel reagieren Lebensgemeinschaften sehr sensibel, im schlimmsten Fall gehen ganze Populationen zugrunde. Bei einem Phosphorgehalt von mehr als zwölf Milligramm pro tausend Liter Seewasser gibt es genug Fisch, schätzt Brinker. Sinkt der Wert allerdings unter diesen Wert, schrumpft die Menge an Fisch exponentiell. Derzeit sind es sieben Milligramm und damit zu wenig. Zwar schwanken die Fänge natürlicherweise von Jahr zu Jahr, aber der Abwärtstrend ist eindeutig.

Quelle: ibfk / F.A.Z.-Grafik Piron

Am besten waren die Fänge in den siebziger Jahren, 1977 etwa gingen mehr als 1900 Tonnen ins Netz, darunter gut 1200 Tonnen Felchen. Doch dieser Fischreichtum im Bodensee war keineswegs die Gabe einer damals noch intakteren, vom Menschen weniger belasteten Natur. Ganz im Gegenteil. Abwässer wurden damals oft ungeklärt in die Gewässer geleitet, viele Seen waren mit Nährstoffen übersättigt, einige kippten um. Der Rhein war eine einzige Kloake, kleinere Seen verloren ganze Felchenpopulationen, wie eine Studie in Nature vor acht Jahren demonstrierte. Auch der Bodensee litt. Hier starb der Kilch aus, eine Felchen-Art, die in den tiefen Seeregionen lebt, wo nun infolge der Eutrophierung der Sauerstoff knapp geworden war. Diese Zustände wünscht sich heute niemand mehr zurück, am wenigsten die Fischer. Und dennoch ließen die Phosphate, die nicht zuletzt aus den eingeleiteten Waschmittelrückständen stammten, andere Fischpopulationen gedeihen. Die Situation war weit entfernt von einem natürlichen Zustand, gleichwohl galt sie bald als normal. Zumal damals auch der Massentourismus einsetzte und sich die Besucher an den Verzehr billiger Felchen gewöhnten.

Doch dann wurden die Kläranlagen besser, das Wasser sauberer – und die Fischerträge brachen ein, am spürbarsten im letzten Jahrzehnt. Lagen die Erträge im Jahr 2011 noch bei 800 Tonnen, waren es 2020 nur noch 200 Tonnen, der tiefste Wert seit Beginn der Fangstatistik im Bodensee. Noch dramatischer fallen die Verluste beim Felchen aus, die Erträge sanken von gut 600 Tonnen im Jahr 2010 auf 55 Tonnen im Jahr 2019. Dut Berufsfischer gaben auf, die meisten fischen nur noch im Nebenerwerb. Sie sagen, das Wasser sei zu sauber geworden. Ihre Vorstellungen für eine Lösung des Problems sind indes unterschiedlich: Einige fordern mehr Nährstoffe im See, damit er wieder mehr Fische produziert, andere Zuchtanlagen. Erstere Strategie war immer unrealistisch, letztere sollte Alexander Brinker erforschen. Deshalb erarbeitete er vor Jahren die wissenschaftlichen Grundlagen, holte sich Rat bei einer norwegischen Firma und stellte die Ergebnisse öffentlich vor. Sandfelchen wären geeignet, fand er heraus, an Steilhängen wie dem Überlinger See. Doch schon bald erkannte er, dass die Stimmung gegen die Fischzucht war. „Die großen Emotionen haben mich erstaunt“, sagt er heute.

Zu sauber für die Felchen: der drittgrößte Süßwassersee Europas aus dem Erdorbit in viertausend Kilometer Höhe.
Zu sauber für die Felchen: der drittgrößte Süßwassersee Europas aus dem Erdorbit in viertausend Kilometer Höhe. Foto: Manfred Grohe

Der Bodensee ist eben nicht irgendein See, er ist ein kleines, fast heiliges Meer, zumindest für Süddeutsche. Und ebenso ist der Felchen nicht irgendein Fisch, sondern ein Wahrzeichen. Drei Arten zählt man heute im Bodensee: Blaufelchen, Gangfelchen und Sandfelchen. Sie bewohnen das Freiwasser und legen ihre Eier auf dem Seegrund ab. Das Laichverhalten ist den Wissenschaftlern bis heute ein Rätsel, Beobachtungen aus Skandinavien legen nahe, dass die Weibchen gezielt Männchen auswählen. Die Felchenlarven ziehen nach ihrer Geburt an die Uferabschnitte, um dort zu wachsen. Sonst weiß man wenig, ihr Leben als Larve ist bis heute fast völlig unbekannt.

Stolz sind die Bodenseefischer auf ihre nachhaltigen Fangmethoden für Felchen. Sie werden mit sogenannten Kiemennetzen gefischt, die eine bestimmte Maschenweite haben. So verfangen sich dort nur ausgewachsene Exemplare, die bereits abgelaicht haben. Außerdem halten die Fischer eine Schonzeit ein.

„Heute sind die großen Fische viel älter als früher“, ist Elke Dilger aufgefallen, die sich inzwischen auf die Terrasse eines geschlossenen Yachthafens zurückgezogen hat. Dort ist es windgeschützt, der Bodensee verstummt, sie setzt sich auf einen Plastikstuhl. Wegen des Nährstoffmangels brauchen die Felchen länger, bis sie ein bestimmtes Gewicht erreichen. Zwölf Fischer gab es früher allein in Meersburg, erinnert sie sich. Und die Netze waren voll, es reichte für alle. Es war ein harter Job, vor allem im Sommer. Von drei Uhr in der Früh bis abends um zehn standen die Fischer auf den Beinen, sieben Tage die Woche. Netze auslegen, Netze einholen, Fische in die Theke legen, an Restaurants verkaufen – alles wurde selbst gemacht.

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Eindringling: Der Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) stammt ursprünglich aus dem Westen Nordamerikas. 2011 wurde das erste Exemplar im Bodensee gesichtet.
Prädikat lecker: das Blaufelchen (Coregonus wartmanni) aus der Ordnung der Lachsartigen

Alles vorbei. Heute bringen die Fischer an manchen Tagen nur noch zehn Felchen nach Hause, das reicht kaum für den Sprit. Hinzugekommen ist eine Konkurrenz, die keine Schonzeiten einhält und sich auch an jungen Fischen vergreift: der Kormoran. Einst hierzulande fast ausgestorben, habe er sich zu einer Plage entwickelt, sagt Dilger. Doch der Kormoran ist streng geschützt, dagegen lässt sich wenig ausrichten.

Ändern lässt sich hingegen die Art und Weise der Vermarktung der Fische. Felchen sind eine Delikatesse, ob gebraten, gedämpft oder geräuchert. Schon im 15. Jahrhundert hatte sich das bis nach Südtirol herumgesprochen, im Stadtrecht der Stadt Bozen werden bereits 1437 „ferchen, die man vom Podensehe bringt“, erwähnt. Auch heute gehört für viele Touristen am Bodensee der Verzehr eines Felchens zum Pflichtprogramm. Doch weil der See die Mengen nicht mehr hergibt, werden die Fische seit einigen Jahren aus aller Welt an den See gebracht, aus Irland, Polen oder Kanada. Touristen und auch Einheimische bekommen davon aber nichts mit, weil auch importierte Exemplare als „Fische vom Bodensee“ deklariert werden dürfen, sofern sie nur vor Ort verarbeitet wurden. Entsprechend miserabel ist ihre CO2-Bilanz. Zudem werden sie unter Bedingungen erzeugt, die hierzulande niemand dulden würde, zum Beispiel in Netzgehegen wie in Polen. Und Forellen oder Saiblinge werden aus Fischteichen im Schwarzwald an den Bodensee gebracht und dort verspeist. Forellenpuffs nennen die Angler diese Zuchtanlagen spöttisch. „Die Touristen werden getäuscht“, schimpft Elke Dilger, „das ist ein klarer Etikettenschwindel.“ Und es ist der übliche Schwindel einer Gesellschaft, die Probleme gerne ins Um- oder Ausland verlagert.

Ist das die Zukunft? Weitgereiste, am See lediglich zubereitete Fische aus Teichen, Käfigen oder Gefriertruhen? Elke Dilger hofft es nicht, aber die Hoffnung, an die sie sich klammert, ist eine Illusion. Sie appelliert an die Wissenschaft, nach Möglichkeiten zu suchen, ihre kleine Pfütze, die ihr nur Arbeit bereite, wieder fruchtbarer zu machen. Sonst, so sagt sie, sei spätestens in einigen Jahren die Fischerei am Bodensee am Ende. „Nachwuchs gibt es ohnehin nicht.“

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Wärmeliebend: Der Karpfen (Cyprinus carpio) profitiert vom wärmeren Frühling und breitet sich aus.
Unerwünscht: Der Stichling (Gasterosteus aculeatus) breitet sich seit zehn Jahren massiv im Bodensee aus.

Der Niedergang der Bodenseefischerei scheint jedenfalls nicht aufzuhalten. Und gerade erst ist ein neues Problem aufgetaucht: Seit Monaten beschäftigen sich Forscher mit Fluorverbindungen im Bodensee, die sich in den Fischen anreichern. Ihre Moleküle tragen Per- und Polyfluoralkylgruppen und verleihen beispielsweise Outdoorklamotten wasserabweisende Eigenschaften. Nachweisbar sind diese Substanzen in Bodenseefischen schon länger, nur nicht in Mengen, die als bedenklich galten. Seit vergangenem Jahr allerdings bewertet die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit diese Stoffe deutlich strenger. „Der Verzehr von beliebten Speisefischen wie dem Felchen oder Barsch könnte in Zukunft auf dieser neuen Grundlage möglicherweise nicht mehr uneingeschränkt empfohlen werden“, schreibt Alexander Brinker in einem neuen Band über die Bodenseefischerei. Im Landwirtschaftsministerium in Stuttgart sieht man weniger Grund zur Sorge. Der Verzehr von Bodenseefisch sei nach aktueller Einschätzung „nicht bedenklich“.

Trotzdem: Wie geht es weiter mit dem Bodensee? Wer das wissen will, muss sich mit Piet Spaak unterhalten. Der fröhliche Niederländer lebt seit 25 Jahren im Zürcher Oberland. Man hätte ihn gerne am See getroffen, aber Corona lässt Grenzübertritte nur eingeschränkt zu. Spaak ist Ökologe und Biologe und arbeitet am eidgenössischen Wasserforschungsinstitut Eawag in Dübendorf bei Zürich. Spaak erforscht aquatische Lebensräume und leitet das Projekt Seewandel. Zudem ist er Mitglied der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee. Von der Fischzucht ist er nicht überzeugt, das möchte er gleich sagen. Die Gewässerschutzkommission fordert daher auch ein dauerhaftes Verbot von Zuchtanlagen. Er befürchtet, Krankheiten könnten von Zucht- auf Wildtiere übertragen werden, Zuchttiere entweichen und zu viele Nährstoffe in den See gelangen. Ein einziges Netzgehege sei zwar nicht weiter schlimm, sagt er, allerdings sei ein einziges Netzgehege auch nicht wirtschaftlich. Das schaffe Anreiz für mehr Aquakulturen im Freiwasser – mit unabsehbaren Folgen für das Ökosystem. Spaak fragt sich daher, ob man für ein paar Dutzend Fischer das saubere Trinkwasser für Millionen von Menschen riskieren sollte. Hoffnung kann er den Fischern jedenfalls keine machen. „Der Seewandel wird weiter voranschreiten“, sagt er. Denn eins sei sicher: Der Bodensee steht auch ohne Fischzucht unter zunehmendem Druck.

Diesen Druck verursacht einerseits der Klimawandel. Die steigenden Temperaturen erwärmen das Seewasser und verändern seine Schichtung. Zudem mischt sich das Wasser weniger gut, weil die Winter immer wärmer werden. Dadurch verharren auch die Nährstoffe in tieferen Schichten und werden nicht mehr nach oben gespült. Es sind aber gerade begehrte Fische wie Felchen, Seesaiblinge, Seeforellen und Trüschen, die für ihre Fortpflanzung kaltes Wasser benötigen. Immer intensivere Hitzewellen in Seen könnten diese Fische künftig bedrohen, wie eine Studie kürzlich in Nature ergab. Die andere Gefahr geht von invasiven Arten aus, die mit den heimischen um Nahrung und Lebensraum konkurrieren. So bleibt immer weniger Plankton für Felchen und Barsche übrig. Daher wäre schon aus diesem Grund der Nutzen höherer Nährstoffeinträge in den See fraglich. Dass höhere Phosphorwerte wieder mehr Felchen brächten, sei daher alles andere als sicher, sagt Spaak.

„Es wird in Zukunft immer weniger Fische im Bodensee geben“, erwartet Piet Spaak. Und weniger Fische bedeuten weniger Fischer, die davon leben können. 37 Invasoren sind gegenwärtig bekannt, am gefürchtetsten sind Stichling und Quaggamuschel. Der Dreistachlige Stichling ist seit den vierziger Jahren im Bodensee etabliert, aber erst im Spätjahr 2012 breitete er sich im Freiwasser massiv aus. Er macht den Felchen die Nahrung streitig und frisst ihre Nachkommen. Elf Zentimeter misst ein ausgewachsenes Exemplar, ist aber nicht einmal als Fischfutter zu gebrauchen.

Größeres Kopfzerbrechen bereitet Piet Spaak aber die Quaggamuschel. 2016 erstmals nachgewiesen, breitet sich die braune, gestreifte Dreikantmuschel massiv aus. Sie stammt aus der Schwarzmeerregion, vermehrt sich das ganze Jahr und ernährt sich von Algen, die auch dem Zooplankton als Nahrungsquelle dienen. Sie lebt bevorzugt am Seegrund, heftet sich unbemerkt an Steine oder Wasserpflanzen, aber auch an Boote, Turbinen oder Rohrsysteme. Ist ein See von ihr besiedelt, wird er sie nicht mehr los. Im Bodensee hat ihr Einmarsch gerade erst begonnen. Letzten Sommer wurde ein Schleppnetz über den Seegrund gezogen, man fand vereinzelte Exemplare. „Das hat mich beunruhigt“, sagt Spaak, denn bekämpfen kann man die Molluske nicht. Das Einzige, was der Quaggamuschel schaden könnte, wäre eine Krankheit, aber auch das sei Spekulation. „Wir können nur aufpassen, dass sich die Art nicht noch in anderen Seen ausbreitet“, sagt er.

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Gelbflosser: Die Egli oder Flussbarsche (Perca fluviatilis) sind nach den Felchen am begehrtesten.
Delikatesse: Die Groppe (Cottus gobio) wurde schon während des Konstanzer Konzils den Päpsten gereicht.

Spaak ist deshalb so beunruhigt, weil er weiß, was die Quaggamuschel  im Lake Michigan angerichtet hat, einem der fünf Großen Seen in Nordamerika. Dort sei inzwischen der ganze Seeboden von  den Muscheln bedeckt, der See ist klarer und unfruchtbarer geworden, die Fischerei ist eingebrochen. „Ich sehe leider wenig Gründe, warum dieses Szenario nicht auch im Bodensee passieren könnte.“ Die Forschung muss das aber erst zeigen.

Einer, der die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, ist Reto Leuch. Der Schweizer Fischer aus Bottighofen, unweit der deutschen Grenze, hat einen Weg gefunden, mit weniger Erträgen auszukommen. Ausgerechnet das Seuchenjahr 2020 brachte ihm ein wenig Hoffnung zurück, nach Jahren der Abwärtsspirale gingen die Fänge erstmals wieder etwas hoch, blieben aber auf geringem Niveau. „Wir müssen damit leben“, sagt er, der Fischfang allein rentiere sich nicht mehr. Er selbst betreibt schon immer nebenher Landwirtschaft, und hat gelernt, mit weniger Fisch den gleichen Umsatz zu machen. Er vermarktet die Fische heute selbst, beliefert nur noch ausgewählte Restaurants, die ihren Gästen den Felchen vom Bodensee zu höheren Preisen anbieten können. Sein Ziel ist eine geschützte Marke für den heimischen Fisch, ähnlich wie Schwarzwälder Schinken. 

Denn nichts ersetzt den frischen Fang, wie ihn Reto Leuch in dritter Generation vornimmt. Der Sohn ist auf dem Boot oft dabei, nebenbei macht er eine Lehre als Landmaschinenmechaniker. Nächstes Jahr soll er in den Betrieb einsteigen, die vierte Generation steht bereit. Sofern sie noch gebraucht wird.


Illustrationen: Fischereiforschungsstelle Baden-Württemberg Landwirtschaftliches Zentrum für Rinderhaltung, Grünlandwirtschaft, Milchwirtschaft, Wild und Fischerei Baden-Württemberg (LAZBW)

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 03.03.2021 14:21 Uhr