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Diesel-Debatte : Wie ungesund sind Stickoxide?

  • -Aktualisiert am

Alte Dieselfahrzeuge stoßen große Mengen an Stickoxide aus Bild: dpa

Was ein Dieselmotor in die Luft bläst, ist alles andere als unbedenklich. Dafür gibt es inzwischen jede Menge Belege. Wie Stickoxide wirken und warum sie die Gesundheit belasten.

          Umweltmediziner fuhren schon immer lieber Benziner. Wie sollten sie angesichts der erdrückenden Beweislast denn auch an die Zukunft des Diesels glauben? Spätestens seit 2007 muss man an der Technologie zweifeln. Damals hatten britische Forscher die Auspuffgase von Dieselmotoren als Gesundheitsgefahr überführt. Die Wissenschaftler des Nationalen Herz- und Lungeninstituts waren dabei clever vorgegangen und hatten Asthmakranke gebeten, zwei Stunden lang über Londons belebteste Einkaufsstraße, die Oxford Street, zu schlendern. Und zwar auf festgelegten Wegen, sogar die Pausen waren vorgegeben. Drei Wochen später wurde das Experiment in den Hyde Park verlegt und wieder die Lungenfunktion der Asthmatiker getestet.

          Auf der Oxford Street sind Autos mit Benzin im Tank verboten, dort verpesten nur mit Diesel betriebene Busse und Taxis die Luft; die Tests fanden im Winter statt, Blütenpollen waren als Störfaktoren ausgeschlossen, also müssten sich messbare Unterschiede nach den Spaziergängen, so das Kalkül der Forscher, theoretisch auf die Abgase zurückführen lassen. Und tatsächlich waren den Versuchsteilnehmern diese mitsamt den Stickoxiden schlecht bekommen, ihnen bereitete das Atmen nach dem Bummel über die Einkaufsmeile erkennbar mehr Mühe als im Park. Auch setzten die Emissionen ihren Atemwegen nachweislich zu: Laboruntersuchungen wiesen Entzündungsreaktionen nach.

          Warum klare Aussagen so schwer sind

          Dass die Studie trotzdem wenig Konsequenzen hatte, liegt vermutlich an einem grundsätzlichen Problem der Umweltmedizin: Einen einzelnen Luftschadstoff als Gesundheitsrisiko zu überführen ist immer sehr schwer. Das gilt auch für Stickstoffdioxid (NO₂) und andere Stickoxide, denn bei Verbrennungsprozessen entstehen sie nie alleine. Mit ihnen quellen zudem Feinstaub, krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und giftige Metalle aus den Diesel-Auspuffrohren. Welche Substanz nun aber für welche Schäden verantwortlich ist – diese detaillierte Antwort konnten die Wissenschaftler des Londoner Herz- und Lungeninstituts damals im New England Journal of Medicine nicht geben.

          Schwierig sind genaue Aussagen auch deshalb, weil die Substanzen teilweise Ähnliches bewirken, sich womöglich gegenseitig verstärken und miteinander in Wechselwirkung treten. So reagiert Stickstoffdioxid mit Ammoniak an der Luft zu Ammoniumnitrat und bildet dadurch selbst Partikel. Ein Drittel des Feinstaubs, das haben Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen herausgefunden, besteht aus solchen und anderen sekundär gebildeten Teilchen.

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          Auf Stickstoffmonoxid und andere Stickoxide außer NO₂ geht die Europäische Union in ihren Forderungen heute nicht weiter ein, weil sie entweder chemisch instabil oder von der Menge her unbedeutend sind. Doch zehn Jahre nach der britischen Studie ist man sich in Brüssel sicher: Vierzig Mikrogramm NO₂ pro Kubikmeter sind mit einem gesunden Leben nicht zu vereinbaren, wenn man sie im jährlichen Durchschnitt 365 Tage lang einatmet; einem Spitzenwert von zweihundert Mikrogramm NO₂ pro Kubikmeter sollte man nicht länger als 18 Stunden im Jahr ausgesetzt sein. Beziehungsweise gar nicht, fordert die in diesem Punkt strenge Weltgesundheitsorganisation.

          Aber das scheint in Deutschland kaum jemand zu kümmern. Das Umweltbundesamt berichtet jedenfalls, dass selbst dieser Jahresgrenzwert an mehr als der Hälfte der verkehrsnahen Luftmessstationen in den Städten zuletzt überschritten wurde. Am inzwischen berühmt-berüchtigten Neckartor in Stuttgart wird sogar der hohe 200-Mikrogramm-Wert an fast doppelt so vielen Tagen übertroffen, als erlaubt wären.

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